Die Änderungswünsche…

So ist das wohl… Schon auf unserer Überführungsfahrt verging kein Tag ohne neue Ideen, was alles nicht so ist, wie ich es mir für unsere Zeit an Bord vorstelle… Von ganz kleinen Details bis zu größeren Umbauten wuchs die Ideenliste, von Dingen, die nur den Wohnkomfort steigern sollten bis zu der Verbesserung wirklich ungeschickt konstruierter Details oder gar sicherheitsrelevanter Mängel.

Eines aber gleich vorweg: An keinem Punkt haben wir den Kauf bisher bereut. Alle, die das Schiff gesehen haben, haben es gelobt – und fanden es noch dazu auch recht günstig. Dass ein neuer Eigner neue Ideen mitbringt, ist eh normal, und auch, dass eine Verwendung zum überwinternden Wohnen, zum Befahren stark strömender und stark befahrener Gewässer einige andere Anforderungen stellt als ein Vergnügungsschiff für holländische Binnengewässer, ist auch klar. Für alle Änderungen bot das vorgefundene eine robuste Basis. Es kam nie zu dieser gefürchteten Kette von immer neue Schwierigkeiten nach sich ziehenden Problemen.

Aber immerhin zu einer Kette neuer Ideen nach sich ziehender Ideen…

Hier so die wichtigsten:

  • Die WC-Situation gefiel uns nicht. Das WC war ziemlich offen am Schlafzimmer – nicht immer schön… Und für Gäste auch nicht toll, wenn sie immer ins Schlafzimmer kommen müssen. Die aus einem Küchenschrank herausziehbare zweite Toilettenschüssel fanden wir noch merkwürdiger. Die Lösung: Eine geräumige Toilettenkabine vom doch sehr großzügigen Salon abteilen.
  • Der Instrumententrägerbügel über dem Achterdeck gefiel uns nicht, passte vom Stil her eher zu einer schicken Yacht. Schlimmer aber war, dass er sehr schwierig und nur zu zweit umlegbar war und im umgelegten Zustand dann das ganze Achterdeck blockierte. Sehr blöd, wenn man ihn für eine Schleusenbrücke umlegen und dann in der Schleuse auf dem Achterdeck mit Leinen hantieren musste. Die Lösung: Ein umlegbarer kleiner Mast.
  • Im Freien gab es weder auf dem Ober- noch auf dem Achterdeck einen Regen– respektive Sonnenschutz. Die Lösung: Ein Niederlegbares Trägergestellt für eine über das Deck hinwegreichende Plane muss her. Und die sollte dann auch gleich noch eine zusätzliche Ecke haben, die den Niedergang vor Regen schützt, sonst ist bei Regen dicke Luft im Salon. An Fenstern lässt sich nämlich sonst nur das Frontfenster in hollandtypischer Klapptechnik nach außen aufstellen.
  • Für längerfristiges Wohnen braucht es noch eine Menge mehr Stauraum. Die Lösung: Unter der Sitzbank, deren Untergestell wegen der neuen Toilettenkabine sowieso erneuert werden muss, können Regale für die von uns sehr geschätzen roten Fleischkisten eingesetzt werden. Ein weiteres passt gut über das Sideboard im Schlafzimmer. Die Toilettenkabine im Schlafzimmer bekommt Regale und wird zum Luxus eines „begehbaren“ Kleiderschrankes im Kleinformat. Weitere Stauräume lassen sich unter dem Bett und in der Küche schaffen, insgesamt wohl mehr, als wir brauchen!
  • Das alte Funkgerät kann kein DSC und empfängt auch keine AIS-Signale. Die Lösung: Ein neues, zeitgemäßes muss her, das alte kann als Zweitgerät zum Hören auf Kanal 10 eingebaut bleiben.
  • Eine Lenzpumpe haben wir nicht entdecken können… Es gab einfach keine. Das konnte so nicht bleiben.
  • Das Joystick-Fahrpult der Außensteuerung war starr auf einem Mittelsockel montiert und war sehr umständlich zu montieren/demontieren, wenn das Schiff fahrbereit gemacht werden sollte. Zudem habe ich auch immer wieder den Ruder-Joystick mit dem Bugschraubenjoystick verwechselt… Die Lösung: Ein fester Schaltkasten, in dem ein mobiles Steuerpult mit einem Steuerkabel eingesteckt wird.
  • Und als vielleicht größte zu erwartende Baustelle: Heizen nur mit laufendem, brummendem, Diesel schluckenden 10kW-Stromaggregat über elektrische Heizkörper geht gar nicht. Die Lösung: Eine vernünftige Diesel-Wasserheizung mit Konvektoren, natürlich soll auch die Motorabwärme beim Fahren oder Landstrom zum Heizen nutzbar sein. Was daraus wurde, beschreiben wir unter Technik.

So weit die erste, grobe Liste. Der geneigte Leser wird sich denken können, dass jede dieser „Baustellen“ eine Reihe von „Nebenbaustellen“ eröffnete, vom Um- und Verlegen von Kabeln und Leitungen über das Umbauen von Motorraumklappen und Zugänglichmachen von tief verbauten Installationen bis zu Änderungen an Gardinen, Polstern, Leuchten usw. Dabei fiel dann auch noch recht deutlich ins Auge, dass eine Sache vom Vorbesitzer doch recht sorglos vorgenommen wurde: Die Elektrik war alles andere als sicher… mit zwecks Verbindung nur verzwirbelten, mit Isolierband umwickelten Litzenkabeln, nicht in allen Fällen abgesicherten 24V-Stromkreisen, offenen Batteriepolen usw.

Damit war also klar, was wir in den nächsten Monaten in unserer spärlichen Freizeit machen würden – mal in der heimischen Werkstatt, dann wieder am – leider zwei Fahrstunden entfernt liegenden – Boot. Genossen haben wir jede Minute davon, denn alles war von steter Vorfreude geprägt, und das meiste hat recht zügig geklappt, ohne große Umwege und Irrungen. So wünscht man sich das!

Die Überführung, Teil III

Würden wir also noch einmal die Chance bekommen, das Schiff über den Domfelsen und durch die untere Saale „nach Hause“ in den vertrauten Hafen des Bootsservice Wettin zu bewegen? Würde es noch mal genug Regen geben, damit die Saale um ca. 30cm und die Elbe um ca. 20cm steigt?

Wir haben die Pegel jeden Tag beobachtet. Und dann, am 23. Mai, eine Regenankündigung für die Region im Oberlauf der Saale und auch in Tschechien, im Elbquellgebiet. Am 24. Mai tatsächlich dort Regen. Am 25. Mai machte der Saalepegel im Unterlauf einen Satz nach oben, und auch die Elbe führte einen Schwall von ca. 30cm, allerdings erst unterhalb von Dresden. Dies sollte dann auch bis Mitte Dezember der letzte Schwall bleiben… Unsere Hoffnung: dass wir, wenn wir am nächsten Tag, dem 26.Mai, führen, den Elbeschwall gerade zwischen Magdeburg und Saalemündung hätten und deshalb auch die Saale, die im oberen Bereich schon wieder im Sinken begriffen war, nicht so schnell abfließen würde. Also nichts wie hin zum Boot – es war auch die letzte Woche, in der ich das noch betrieblich verantworten konnte, und auch Volker konnte noch mal mit los.

In Burg sehr faires kleines Geld für die zwei Wochen bezahlt, und noch am Abend bis zur Schleuse Niegripp, wo wir noch hinabgeschleust wurden und uns im Unterwasser an den Wartesteg legen durften. Dort ging es dann um 6:00 Uhr, wieder gegen den Elbstrom nach Magdeburg.

Was würde der Pegel Strombrücke zeigen? Etwa 80 cm brauchen wir, um mit unseren 1,25m Tiefgang über den Domfelsen zu gelangen. Und – ja, der Pegel war bei 84cm. Also noch eben Magdeburg Wahrschauer angefunkt, aber wie zu erwarten, gab es keinerlei Berufsschifffahrt in der engen Kurve, also los.

Wer die Strecke kennt, weiß, wie es da mit einem Verdränger geht – man fährt die Elbe mit ungefähr 6km/h über Grund, schon am Anfang von Magdeburg braucht es dazu ca. 12km/h im Wasser, also ordentlich Schub, und dann schaut man am Domfelsen beiläufig aus dem Fenster und staunt, dass man noch genau das gleiche neben sich sieht, wie vor 5 Minuten… Unser Boot schafft bei Vollgas gut 14km/h, also den Hebel ganz nach vorn, und der Blick aus dem Fenster zeigt, dass es wieder im Schneckentempo vorwärt geht. Hat man die paar hundert Meter dann zwanzig Minuten später geschafft, wird alles gut und die Elbe kommt einem wieder mit gemächlichen 5km/h entgegen. Und man atmet einmal tief durch…

Vorbei an Schönebeck, immer schön den Elbmäandern in den Außenkurven folgend, gleitet im Hintergrund später der Barbyer Kirchturm vorbei, und nun ist es nicht mehr weit bis zur Saalemündung, die wir gegen 13:30 Uhr erreichten.

Jetzt würde es noch mal spannend: Hätte die Saale unten tatsächlich noch genug Wasser, oder wäre der kurze Schwall schon wieder in der Elbe verschwunden? Wenn nicht, hätten wir wieder ganz nach Burg zurück gemusst und das wäre es dann auch für das Jahr gewesen…

Aber alles ging, wie erhofft – nach dem ersten unproblematischen Kilometer in der Saale entspannten wir uns langsam wieder, gönnten uns sogar in Groß Rosenburg ein halbe Stunde Imbisspause, und als um kurz vor 18 Uhr das Schleusentor Calbe vor uns auftauchte, erfüllte uns innerer und äußerer Jubel. Jetzt konnte bis „zu Hause“ nichts mehr schief gehen. Wir ließen uns noch hochschleusen und durften mit Erlaubnis der Leitstelle am Wartesteg im Oberwasser zur Nacht verbleiben. So ein schöner Abend, so ein guter Schlaf…!

Am nächsten Morgen ging es um 8:00 Uhr weiter, die wunderschöne Saale entlang, durch die schnellsten Schleusen von Deutschland mit der nettesten Leitstelle, an dem wunderschönen Bernburg mit seiner über dem Fluss thronenden Altstadt und Burganlage vorbei, wo wir gegenüber dem Italiener zum Mittagessen anlegten, bis nach Wettin, wo nach der für uns letzten Schleuse der Steg von Armin auf uns wartete.

Ja, die Saale ist ein in der Wassersportszene wohl unterschätzter Fluss!

Natürlich haben wir nicht versäumt, den gelegentlich über uns kreisenden Rotmilanen zuzuwinken, die schließlich dafür gesorgt hatten, dass die Schleuse Alsleben erst einige Wochen später gesperrt werden würde als geplant.

Diese beiden nachgehängten letzten Tage waren anstrengend, aufregend, aber auch wunderschön. Und die Zufriedenheit, als es in der Schleuse Calbe nach oben ging, kaum vorstellbar für jemanden, der nicht dabei war…

Es ist geschafft. Da liegt unser Schiff, und wir dürfen unsere Ideen zulassen, die wir in den nächsten eineinhalb Jahren an und in ihm umsetzen würden. Denn das ist ja klar: Nach so einer Tour ist die Liste der Wünsche, Ideen, Verbesserungsvorschläge und auch Mängel ganz schön lang. Jedenfalls dürften wir beim Kauf des Schiffes nicht ganz verkehrt gelegen haben, denn sonst hätte es diese Tour wohl nicht so gut geschafft…


Die Überführung, Teil II

So ging es noch am Mittwoch, heraus aus dem Haren-Rütenbrok-Kanal, gleich weiter auf der Ems respektive dem Dortmund-Ems-Kanal. Da wir am Donnerstag schon im Mittellandkanal sein wollten, um uns dort mit unseren Frauen zu treffen, haben wir noch die nächsten 3 Schleusen genommen und sind immerhin noch im Abendlicht bis Lingen gelangt.. Eine sehr schöne Ortsdurchfahrt übrigens!

Eine nette – oder auch traurige Begebenheit gab’s noch nach der Schleuse Varloh: Der Hund, der voraus im Wasser schwamm, entpuppte sich beim Näherkommen als ein junges Reh, das völlig panisch und desorientiert in Kreisen, Achten und Winkeln strampelnd herumschwamm, dabei schnaufend und röchelnd. Die Schleuse noch mal angefunkt und gefragt, ob uns schon Berufsschiffahrt im Nacken sitzt, nein, erst wieder in ca. 20 Minuten, wurde uns beschieden. Na dann: Schiff treiben gelassen, ab ins Wasser, und das Reh aus dem Wasser getragen und ins Ufergebüsch abgelegt, wo es erst mal heftig hechelnd liegen blieb und sich beruhigte. Heldenhaft, oder? Aber wahrscheinlich hat es nicht lange überlebt, denn als ich es auf den Armen hatte, konnte ich sehen, dass es nichts sehen konnte – beide Augen waren ganz trüb, das Tier also vermutlich blind. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja gesundet…

Am Donnerstag mussten von Lingen wir zeitig aufbrechen, denn bis zum Abzweig des Mittellandkanals lagen ja noch 6 Schleusen vor uns! In der ersten Schleuse erfuhren wir dann auch noch, einem Funkgespräch des vor uns in der Kammer liegenden Berufsschiffes folgend, dass wegen des Feiertages die Bedienungszeit der Schleusen heute schon um 16:00 Uhr enden sollten. Wieder waren wir ziemlich gespannt, ob wir es trotzdem noch bis zum Mittellandkanal schaffen würden.

Die folgenden Schleusungen verliefen aber mit einer Ausnahme recht zügig, wir haben uns immer hinter dem besagten Berufsschiff gehalten.

In der vorletzten Schleuse (Rodde) dann ein weiterer Schreck: wegen Seitenwindes hatten wir etwas mehr mit dem hydraulischen Bugstrahler gearbeitet, und bekamen fortan ein jeweils über ein paar Sekunden anschwellendes, dann abbrechendes und nach weiteren Sekunden neu beginnendes Pfeifen aus der Hydraulikpumpe zu hören. Und dann war die Hydraulik auch schon ausgestiegen. Kein Bugstrahler mehr, aber auch keine Außensteuerung mehr und die Innensteuerung ohne hydraulische Unterstützung. Nun gut, beim Ablegen in der Schleusenkammer half der Seitenwind, dann hinter der Schleuse in das westlich neben der Schleuse liegende Hafenbecken hineingewendet, der Wind legte uns sanft an die Kaimauer. Motor aus und den Pegel im Hydrauliktank geprüft und die Leitungen auf nasse oder leckende Stellen untersucht. Aber nichts gefunden. Den Motor wieder gestartet – und siehe da, alles funktionierte wieder. Und das sollte dann auch bis zum Ende unserer Reise so bleiben. Was war da nur los???

Nun hatten wir natürlich den Anschluss an das Berufsschiff verloren… Ob  wir es trotzdem noch bis 16:00 durch die letzte Schleuse schaffen würden? Bis zur Schleuse Bevergem sind es ja nur 2 km – wir hatten noch 20min. Es musste dann an der Schleuse aber auch passen! Wieder folgtem wir einem Berufsschiff. Über Funk meldeten wir uns bei der Schleuse an. Riesen-Glück: die Schleuse hat uns noch abgewartet, uns an dem vor uns fahrenden Berufsschiff vorbeigeholt und hinter das bereits in der Kammer liegende Berufsschiff genommen – es war eben die Wotan, der wir bis Rodde schon gefolgt waren. Während der Schleusung hörten wir im Funk noch, dass die Schleusenbesatzung dem vor der Schleuse zurückgelassenen Berufsschiff erklärte, dies sei die letzte Schleusung für Heute, und es ginge erste morgen weiter. Sehr ärgerlich für den Schiffer, denn nach Bevergem ist auf dem Mittellandkanal freie Fahrt bis Hannover! Nach der Ausfahrt hörten wir aber im Funk, dass die Besatzung sich noch hatte erweichen lassen und das Schiff noch hochgeholt hat.

Auch für uns hieß es also – geschafft und freie Fahrt, wir haben uns in Ostercappeln hingelegt und Maria und Kirsti dort hin gelockt, wo wir dann eine Nacht zu viert an Bord genießen durften.

Am Freitag hieß es zunächst noch Einkaufen im (uns zu) schicken Hafen in Bad Essen… Das Hafenmeisterbüro war nicht besetzt, wir hatten einen grün gekennzeichneten Stegplatz belegt, und, nun ja, um eben in den nächsten Supermarkt zu gehen, wollten wir den Hafenmeister nicht gleich auf seinem Handy herbeirufen. Diese Rücksicht sollte sich als Fehler erweisen, denn als wir bereits wieder losfuhren, kam derselbe hektisch winkend auf dem Fahrrad an und beschimpfte uns, er hätte uns auf der Kamera beobachtet und wieso wir nicht die am Büro aushängende Handynummer angerufen hätten – schließlich koste ein Tagesbesuch in ihrem Hafen eine Gebühr, 10€ hätten es sein sollen, wenn ich mich recht erinnere!! Na da hatte sie uns wieder, die sprichwörtliche deutsche Gastfreundschaft, aber eine Gebühr für 30min. in einem zur Hälfte leeren Hafen anlegen, das habe ich auch in Deutschland noch nicht erlebt. Aber so muss das wohl sein: chique gleich teuer und unfreundlich…

Bis Minden ging es weiter, wo wir das Schachtschleusengelände und die Trogbrücke anschauten, spazierten, Mittag aßen – der Sportbootliegeplatz am Kanal gegenüber der Schachtschleusenzufahrt ist ein super schöner Aussichtsort!

Hier haben wir Maria und Kirsti schließlich wieder verabschiedet und sind noch an Hannover vorbei bis zum Stichkanal Hannover weiter gefahren, um dort am Liegeplatz gegenüber der Kanaleinfahrt zu schlafen.

Am Samstag ohne weitere Vorkommnisse durch die naturnäheren Landschaft im sachsen-anhaltinischen Teil des Kanals, ein bisschen lang wurde es uns hier, geschlafen wurde am Sportbootlieger kurz vor Haldensleben mit Blick auf ein Storchennest.

Am Sonntag dann vor bis zur Schleuse Rothensee, wo wir länger warten mussten, denn als wir bereits aufgerufen waren zur Einfahrt, meldete sich die Schleuse noch einmal und bat uns, wieder anzulegen, weil sich gerade noch ein Fahrgastschiff gemeldet hatte. Immerhin, der Warteplatz bietet eine wunderschöne Aussicht, war allerdings auch extrem windig, so dass das An- und Ablegen äußerst schwierig war. Der Bugstrahler vermochte das Schiff nicht gegen den Seitenwind zu schieben.

Unten angekommen, ging es immer noch nicht auf die Elbe hinaus: Die Niedrigwasserschleuse war in Betrieb – ein erster Vorbote zu dem, was uns dann auf der Elbe erwartete…

Wir hatten inzwischen schon mitbekommen, dass wir es nicht mehr in einem Rutsch bis zur Saale schaffen würden, die Fahrrinnentiefe der unteren, ungeregelten Saale reichte schon nicht mehr. Auch der Schönebecker Yachthafen hatte bereits einen zu niedrigen Wasserstand, da wären wir nicht mehr reingekommen. So hatten wir mit dem Magdeburger Hafen in der Zollelbe geklärt, dass wir das Boot dort für einige Tage ablegen könnten, notfalls aber auch, falls vor der Dauerschließung der Schleuse Alsleben die Wasserstände sich nicht mehr erholen würden, bis zum Herbst dort liegen bleiben könnten.

So ging es also gegen den Elbstrom Richtung Magdeburg. Und wieder dieses Elbgefühl, dass es wohl auf kaum einer anderen europäischen Wasserstraße gibt, dieser große Strom mit seinen verwunschenen Buhnenstränden, die zur Badepause laden. Aber nicht für uns: Wir nach ca. 6km und knapp zwei Stunden die Hafeneinfahrt Zollelbe. Und bogen hinein, sehr vorsichtig aus dem Elbstrom seitlich hinausmanövrierend. Nun gut, an der backbordseite zeigte sich eine kleine Sandbank aus Sediment, klar, vom Elbstrom in die Beruhigungszone hineingespült, also halten wir uns ganz elbseitig im Strudelbereich, kein Problem. Oder doch? Sanft bremste das Schiff ab und schob sich mit dem Bug auf die Untiefe, die offensichtlich quer über die gesamte Zufahrt reichte. Warum steht da bitte kein Schild mit dem Flachwasserhinweis??? Was nun? Schaukeln bei Rückwärtsschub half schon mal nichts. Ein Anruf im Hafen, nö, sie hätten niX zum Freischleppen, wir sollten man die Waschpo anrufen. Die versprachen Hilfe, könnten allerdings erst in ca. 1 Stunde bei uns sein.

Also warten, aber natürlich nicht ohne es auch weiter selbst zu versuchen. Gemeinsam auf Deck von links nach rechts, im Eigenschwindungsrythmus des Bootes, Schub zurück, etwas mehr, hässliche Geräusche von Sand und Kies an der Schraube (immerhin Bronzeguss, berufsschiffig halt), gerade vor dem Aufgeben eine gemächliche Rückwärtsbewegung des Schiffes. Ja, tatsächlich: wir hatten uns frei geschwommen. Die Waschpo war nicht böse, dass wir sie nun nicht mehr brauchten.

Und nun? Es über den Domfelsen riskieren, mit vielleicht noch 5cm unter dem Kiel, um dann nicht in die Saale zu können und vorher keinen Hafen mehr zu finden, an dem das Boot liegen bleiben könnte? Nee lieber nicht. Was blieb also anderes als zurück zum Mittellandkanal zu fahren… Sehr sehr ärgerlich, wir waren tatsächlich genau einen Tag zu spät, gestern hätte der Pegel noch gereicht.

Nun aber ging es mit dem Elbstrom unter der Trogbrücke des Mittellandkanales hindurch bis zur gemütliche Schleuse Niegripp, denn wir hatten inzwischen einen Hafen zwischen Niegripp und Burg angerufen, die uns noch einen Platz zusagen konnten, nach etwas Nachdenken, ob sie unsere 13m noch unterkriegen könnten. Also mussten wir nun hinauf auf den Elbe-Havel-Kanal.

Hier fanden wir auch recht bald die Hafenzufahrt. „Landesgewässer mit besonderer Regelung“, begrüßte uns ein Schild. Oh je, wurde das eng. Oh je, hingen die Bäume tief über das Wasser. Ob das tief genug bleibt? Immer tiefer windet sich der schmale „Bach“ ins Land, bis dann an Backbord quer zum Verlauf des Kanälchens liegend Schiffe auftauchen, zwischen äußerst provisorisch wirkenden, sehr findig selbstgeschweißten kurzen Schwimmstegen und in den Grund geschlagenen Metallrohren. Wie um Himmels willen sollen wir da hineinkommen?? Zwischen den Bootshecks und dem Steuerbordufer war es jedenfalls schmaler als unser Boot lang…

Mehrere Leute kamen herbei, jemand winkte uns zum hintersten Ende der Bootsreihe und wies uns den vorletzten Liegeplatz zu, einer von zwei verbliebenen freien. Gespannt schauten uns 6 oder 8 Leute zu. Langsam das Boot auf der Stelle drehen, dabei die Nase schon langsam in die Bucht schieben, das Nachbarboot und diverse scharfkantige Metallteile vermeiden. Als ich zum ersten Mal den Bugstrahler antippe, geht ein sichtliches Aufatmen durch die Zuschauergruppe. Schießlich sind wir weit genug in die Bucht, dass wir den kurzen Schwimmsteg neben dem Vorschiff haben, jemand nimmt die Leinen an. Schließlich ist das Werk gelungen und ich ein bisschen stolz, dass dieses Manöver ohne Fehler geklappt hat. Wir bekommen die Waschräume gezeigt, und begeben uns nach dem einen oder anderen Schwatz und einem Feierabendbier ins Bett.

Hier länger bleiben war aber kaum möglich, ohne regelmäßig nach dem Schiff schauen zu können – die Wasserstände, so wurde uns berichtet, schwanken sehr stark durch die nahegelegene Hohenwarteschleuse. Auch gibt es in diesem Hafen keine Preise für längeres liegen, sondern nur Tagespreise – das hätten wir uns über im ungünstigen Fall mehrere Monate nicht leisten können.

So fuhr ich am nächsten Tag mit dem Fahrrad ins nahe gelegene Städtchen Burg, das zurzeit durch die Landesgartenschau ein bisschen erblüht, und fand dort den Hafen im früheren „Kohlebecken“, das heute einer Familie gehört, die das Ding wohl eher an der Backe hat und gerne loswürde, als die über kurz oder lang nötigen Investitionen zu riskieren. Das gute daran: Genug Platz und eine sehr freundliche Preisgestaltung, wenn es denn zu einem längeren Liegen käme. Prima – zurück zum Schiff, bezahlt, wieder hinaus manövriert und die zwei Kilometer nach Burg getuckert, um es dort an der Kaimauer gut festzulegen.

Volker hat dann noch am Nachmittag „abgemustert“ und ist per Bahn abgereist, ich bin noch zwei Tage geblieben, habe das Schiff nachbereitet, Mängel und Ideen, was ich am Schiff im Laufe der folgenden Monate würde ändern wollen, aufgelistet, den Ort erkundet und ein paar Dinge geregelt, um dann am Mittwoch ebenfalls heimzufahren.

Im Nachhinein war das ganze eine großartige Fahrt, ganz schön anstrengend, weil wir jeden Tag zeitig los- und 10 bis 12 Stunden gefahren sind und doch so manches nicht ganz so glatt lief wie erhofft. Andererseits – für ein älteres Schiff, das ich noch nicht kannte, und das zwar einen guten Eindruck gemacht hatte, aber schon seit Jahren nicht mehr auch nur annähernd einer solchen Dauerlast ausgesetzt war, hatte sich die Zahl der Schwierigkeiten doch sehr in Grenzen gehalten. Es bleibt das Gefühl, eine gewisse Herausforderung doch ganz gut gemeistert zu haben. Und auch wenn es sich anders anfühlte als eine Urlaubsfahrt, hat es Spaß gemacht, vielleicht auch gerade weil es ein bisschen was von berufsschifffahren hatte.

Das wir um einen Tag den nötigen Pegelstand verpasst hatten, war leider ein dickes Ende – zumal wir in Burg klar wurde, dass ich da sehr ungern bleiben würde. Zu weit weg von zu Hause, zu wenig Infrastruktur für die an zukünftigen Wochenenden angedachten Arbeiten am Schiff, keine angenehme Stimmung im Ort – nein, wir würden in den nächsten Tagen die Pegel ganz genau beobachten, und wenn sich noch mal eine Chance auftut die Reststrecke in die Saale anpacken.

Denn ein Zeitfaktor hatte sich – was für ein Glück – erst mal in Luft aufgelöst, dem Rotmilan sei dank: Wegen eines nistenden Rotmilans in der Schleuse Alsleben ist der Baubeginn dort von Pfingsten auf Mitte Juli verschoben worden. Es gibt also noch eine Chance. Bitte, bitte: Regen.

Die Überführung, Teil I

Warten (Friesland, NL) nach Haren (Ems)

Maria konnte leider nicht mit zur Bootsüberführung, die wir mit ca. 10-11 Tagen eingeschätzt hatten, denn sie musste erstens arbeiten und zweitens auch nach unserem Herbergsbetrieb schauen…

Ich habe aber trotzdem einen „Matrosen“ gefunden – alleine hätte ich mich mit 18to Stahl auf 13m Länge und starrer Antriebswelle ganz unerfahren – nicht auf diesen weiten, schleusenreichen Weg getraut. Volker, der Partner einer Mitarbeiterin von uns, gerade in der Endphase einer langwierigen Reha, hatte Zeit und Lust, als Matrose und Smutje mitzufahren. Vielen Dank! Obwohl er noch nie auf einem Boot gewesen war, hat er alle Manöver prima unterstützt – und dazu  noch lecker gekocht.

Unsere Fahrtetappen hatten wir mit ca. 10 Std. täglich eingeschätzt und die auch immer in etwa einzuhalten versucht, damit der Zeitplan klappt…Der Zeitplan war weniger dadurch bestimmt, dass ich oder Volker nicht auch ein paar Tage länger hätten frei machen können, sondern durch eine angekündigte Schleusensperrung inmitten der Saale (Alsleben), die ab Pfingsten bis weit in den Herbst dauern sollte. Würden wir bis dahin nicht angekommen sein, wäre unser Zielhafen in Wettin also nicht mehr erreichbar gewesen. Und zwischen Magdeburg und Wettin gibt es auch keinen anderen Hafen, der uns für längere Zeit hätte aufnehmen können! Zudem begann auch schon die Trockenphase 2018, Elbe und Saalepegel waren bereits im Sinkflug.

Also uns ein Holländischer Schleusenwärter mal fragte, wie weit wir am Tage noch kommen wollten, nahm er spöttelnd die Antwort gleich weg: „Mooglichst weit, wie alle Duitsen“… Mag sein, aber ich finde, wir hatten gleich mehrere sehr gute Gründe, nicht bummeln zu wollen!

Am Anfang unserer Fahrt stand eine Einweisung durch den Makler in die Bedienung des Schiffes. Ähm, nein, davor stand noch die Fahrt vom Bahnhof zum Verkaufshafen. Wenn Ihr irgendwann einmal bei Schepenkring Friesland ein Schiff abholt: Nehmt ein Fahrrad, den Bus oder ein Taxi. Auch ein Hubschrauber oder ein Flugsaurier geht in Ordnung. Aber lasst Euch nicht vom Makler abholen, wenn Euch Euer Leben lieb ist!

Nun aber geht’s los – Heute nachmittag noch die Einweisung, am nächsten Morgen an die Tankstelle (dabei möglichst die Säule stehen lassen…) und dann auch schon die Abfahrt.

Unsere Route durch Holland:

  • Abfahrt in Warten bei Leeuwarden auf dem Princess-Margeret-Kanal
  • Auf dem van-Starckenborg-Kanal nach Groningen
  • Weiter auf dem Wijnschoterdiep
  • Wilderfankkanal
  • Stadskanal
  • Musselkanal
  • Ter Apel Kanal
  • Haren-Rütenbrok-Kanal
  • Ankunft in Haren(Ems).

Das holländische Teilstück wird am Ende mehr Zeit gebraucht haben als erwartet. Warum? Einfach weil ein guter Teil der Route durch Holland auf sehr kleinen Kanälen mit Geschwindigkeitsbegrenzung und sehr vielen kleinen Schleusen, Brücken usw. verlaufen ist. Von den kleinen Schleusen war dann auch noch eine vorübergehend kaputt. Am Ende der Etappe sollten wir für ein Viertel der Strecke bereits vier von 10 Tagen verbummelt haben!

Die ersten 80km verliefen unspektakulär auf auch berufsschiffstauglichen, gut organisieren Wasserstraßen. Die Joysticksteuerung war sehr gewöhnungs- und übungsbedürftig. Warum? Nun: Ein Lenkrad hält man so lange in der Kurvenstellung, bis die Kurve zu Ende ist. Dann dreht man es zurück. Einen Joystick hingegen muss man loslassen, also zurückstellen in die Mitte, sobald das Ruder gelegt ist. LOSLASSEN!!! Und wenn die Kurve zuende ist, zur anderen Seite drücken, um das Ruder wieder gerade zu stellen. (Von den ganzen Zwischenkorrekturen einmal abgesehen). Nun reagieren 18 Tonnen aber träge auf die Ruderlage. Also muss man den Joystick nicht loslassen, wenn das SCHIFF schön dem Kurvenradius folgt, sondern schon, wenn das RUDER so gelegt ist, dass das Schiff in weiteren 5 bis 10 Sekunden dem  gewünschten Kurvenradius folgen WIRD! Der geneigte Leser mag sich vorstellen, dass wir zunächst einen ganz schönen Schlingerkurs fuhren, bis wir das Verhalten des Schiffes einigermaßen kannten. Gut, dass die wirkliche engen Strecken erst weit hinter Groningen beginnen würden.

Unsere erste Nacht dann in Groningen, ein wunderschöner aussichtsreicher Liegeplatz gleich nach der großen Schleuse, mit gefunkter Erlaubnis des Schleusenpersonals, und ein bisschen das abendliche Groningen genossen. Am nächsten Morgen gleich weiter in Richtung Veendam, immer noch auf einer Großschiffahrtsstraße. Erst in Veendam biegt man dann ganz plötzlich im Ort in eine winzig erscheinende Bootsgasse ein. Da sollen wir durchpassen? Und das mit unserem immer noch gelegentlich schlingernden Kurs?? Aber was muss, das muss…

Nach wenigen 100m dann eine scharfe Linkskurve. Und hier erfuhren wir in Veendam von einem Vertreter der Rijkswaterstraat, dass wir hier heute  erst mal liegen bleiben müssten, eine nachfolgende Schleuse sei kaputt, mal sehen, wahrscheinlich morgen… Und da hatten wir es an dem Tage nur von Groningen bis her geschafft, also 25km! Es ist halt so: Schiff fahren und Eile passen einfach nicht zusammen – schon gar nicht auf kleinen holländischen Kanälen! Der Liegeplatz war allerdings sehr schön und wäre unter anderen Umständen sicher auch eine freiwillige Nacht wert gewesen. Und wir bekamen zum Trost noch Flyer und Infos zum Ort gereicht – Sollte die Schleusensperrung eine Initiative des örtlichen Touristenverbandes sein?

Zudem war der Zwangshalt auch die erste echte Herausforderung in Sachen manövrieren auf engstem Raum. Denn wir mussten unser Boot im engen Kurvenbereich rückwärts in eine enge und eigentlich zu kurze Bucht hineinschieben. Für jemanden, der bisher nur Z-Antriebe kannte, keine Kleinigkeit, und als wir ohne peinliche Fehler festgemacht hatten, machte mein Selbstbewusstsein, nein, besser, mein Vertrauen in das Zurechtkommen mit dem Schiff, einen ganz schönen Hüpfer! Insofern wiederum zufrieden, fiel es uns nicht schwer, nun auf eine Runde Urlaub und entspannung umzuschalten und den Abend bei Wein und Whisky auf dem Achterdeck herabdämmern zu lassen.

Der nächste Morgen begann mit einem Missgeschick… Ich wollte meinen Matrosen noch nicht wecken, sondern ging erst mal Brötchen holen. Als ich wiederkam, war er nicht nur schon aufgewacht, sondern hatte auch schon das 10kW-Stromaggregat gestartet, um Eier zu braten. Oh je, ich ahnte, was das bedeutete… Und tatsächlich: Es stank im Salon bereits nach schmorendem Plastik. Ich hatte am Abend den Seewasserzulauf für die Auspuffkühlung des Generators abgestellt! Der erste Griff ging zum Abschaltknopf, aber: zu spät. Ein Blick in den Generatorraum zeigte: der Schalldämpfer war bereits von den heißen Abgasen durchschossen worden. Nun gut, erst mal nicht schlimm, nur mit dem Kochen würde es erst mal niX werden, schade für den Matrosen, der halt auch sehr gerne den Smut machte.

Am nächsten morgen ging es tatsächlich weiter – im Schneckentempo durch die Grachten,  im Konvoi mit 4 oder 5 Booten. Eine Brücke nach der anderen wurde von Hand geklappt, teilweise mussten mit dem Hammer in der Hand Bolzen herausgeschlagen werden, es wurde gekurbelt, gezogen und gedreht. Dafür wiederum ging es recht zügig, denn uns begleiteten ungefähr 7 Leute in orangen Westen – wurden wir gerade an einer Brücke durchgewunken, bereiteten einige schon die nächste Brücke vor, während hinter uns noch die vorige Brücke geschlossen und für den Straßenverkehr eingerichtet wurde. Vom Ablauf her perfekt – nur eben laaaangsam.

Inzwischen hatten wir auch erfahren, dass der Haren-Rütenbrock-Kanal, der uns am Ende der Holland-Etappe an die Ems bringen sollte, an Feiertagen nicht bedient wird. Würden wir bei dem Tempo noch am Mittwoch den Kanal erreichen, genauer gesagt, vor Mittwoch Mittag, weil man, wenn man später einfährt, nicht mehr vor dem Feierabend des Bedienpersonals den Kanal vollständig durchfahren kann, oder würden wir dort, vor dem Kanal oder darin eingesperrt im emsländischen Nirgendwo, einen weiteren Tag verlieren?

Nach dem Ort, ca. 20 Brücken später, ging es ein bisschen flotter, die Brücken lagen weiter auseinander, so dass die Begleitmannschaft die Brücken schon offen hatte, wenn wir ankamen, und Schleusen schon einladend offen standen.

Und dann sollte das eben erste gewonnen Selbstvertrauen doch wieder einen (übrigens bis heute nachwirkenden) Knacks bekommen. Es geschah in Stadtskanal, wo die Brücken wieder Steuerhäuser hatten und elektrisch funktionierten, aber keineswegs breitere Durchfahrten hatten: Ein Brückenwärter rief uns, die wir als letzte des Konvois fuhren, aus seinem Fenster ein „sneller, sneller“ zu.

Nun gut, nach dem Einparken gestern Abend und so vielen gut gemeisterten extrem engen, oft mit scharfkantig herausstehenden Stahlträgern und ähnlichem ausgerüstetetn Brücken und Schleusen, gepaart mit dem Wissen, dass die Manövrierfähigkeit ja mit etwas mehr Schub besser wird, ging ich die nächste Brücke schneller an. Ein Fehler!!!

Ein leichter Windstoß versetzte das Boot minimal. Aber ganz knapp vor den Dalben, die die Fahrrinne vor der Brücke einengen. Schreck, Joystick kurz zur falschen Seite, dann richtig, aber, schon etwas in Panik, einen kleinen Moment nicht an das LOSLASSEN!!! gedacht, also übersteuert. Keine Chance mehr, den Bug noch vom Dalben wegzudrehen. In Panik den Maschinentelegrafen auf voll rückwärt gezogen. Um nun zu  lernen, dass man das mit dieser (elektronischen) Steuerung nicht machen darf. Nicht nur macht sie beim Nulldurchgang zur Schonung des Getriebes eine kleine Pause (gut so), sondern auch steigt sie, wenn man den Hebel richtig schnell durchzieht, einfach aus und verabschiedet sich mit einem Warnpiepen. Ohne Bremswirkung „schießt“ (mit 6km/h, das kommt einem in so einem Moment aber mindestens wie Motorradfahren vor) das Schiff am Dalben vorbei gegen das Land, welches es dabei noch gegen den, mit scharfkantigem Stahl unterhalb des Freibordes bedeckten Dalben wirft.

Leicht auf die Seite geneigt, kommt das Schiff zur Ruhe, die Menschen bleiben stehen und fragen, ob wir Hilfe brauchen, der Brückenwärter macht erst mal wieder zu. Motor aus, zur Ruhe kommen, was nun, ist das Schiff schon im Eimer, leck, kaputt? Außen ist nur eine leichte Delle zu sehen, wo der Dalben reingekracht ist, und natürlich ist dort der Stahl blank. Im (berufsschiffig komplett abgeschotteten) Vorschiff: Kein Wasser, kein weiterer Schaden von innen erkennbar. Vorsichtig den Motor wieder an, die Steuerung tut wieder, was sie soll. Langsam rückwärts, das Schiff kommt in Bewegung, schwimmt sich frei, liegt wieder gerade. Schließlich liegen wir wieder frei schwimmend vor der Brücke, der Brückenwärter öffnet erneut, und wir fahren – nun wieder seehr vorsichtig – weiter. Alles funktioniert! Später werden wir festestellen, dass es tatsächlich keinerlei weitere Schäden außer der Beule gegeben hat. Berufsschiffig halt!

Weiter ging es Richtung Ter Apel. Wenn nun nichts mehr dazwischen käme, würden wir locker am Mittwoch vormittag am Haren-Rütenbrock-Kanal rechtzeitig zur Einfahrt zur Stelle sein und können uns für den Rest des Dienstages Zeit lassen. So dass wir, als der Kanal uns an einer Landmaschinenwerkstatt vorbei führt, erst mal anlegen und uns von den Schweißern dort ein passend gekrümmtes Rohr im Durchmesser des Auspuffes schweißen lassen, das wir anstelle des Plastikschalldämpfers einbauen. Juhu- jetzt wird’s auch wieder Strom geben. Und wo wir schon mal am Ufer liegen… können wir auch gleich die Beule wenigstens einmal grundieren und lackieren, damit da nichts nachkommt.

Weiter ging’s, eine letzte Nacht in Holland, in Ter Apel, am nächsten Vormittag hinein in den Haren-Rütenbrock-Kanal, zusammen mit zwei anderen Booten. Gleich vor der ersten nicht klappbaren Brücke dann noch mal eine Verzögerung – aber zum Glück noch rechtzeitig bemerkt und aufgestoppt: Die Brücke war knapp zu niedrig für unseren etwas angeberischen, aber sehr unpraktischen, weil schweren und nur zu zweit umzuklappenden Instrumententräger. So ging es dann ohne weitere Boote gemächlich weiter bis nach Haren/Ems, das wir am Nachmittag noch glücklich, wenn auch einen Tag später, als geplant erreichten.

Und wie war nun Holland? Est mal: Schön. Ein wirkliches Erlebnis. So viele immer freundliche, hilfsbereite, gut gelaunte und entspannte Menschen – das tat uns als Bewohner einer ostdeutschen Provinzstadt sehr gut! Das Befahren der winzigen Kanäle in Eile war zwar schön, abwechselungsreich, bunt, aber für uns nicht so entspannt, vor Allem nach dem „Kollisionstrauma“… Friesland war sicher der schönste Teil der Stecke, und das soll ja wohl auch im Vergleich zu anderen holländischen Provinzen so sein. Auf den kleinen Kanälen von Groningen nach Haren ist nicht so schön, dass man die gesamte Zeit auf Kanälen fährt, die beidseitig von mal größeren, mal städtischen Straßen begleitet sind, direkt am Kanalufer. Die Ruhe, die wir mit dem Wasserwandern verbinden, stellt sich da selten ein.

Den Haren-Rütenbrokkanal sollte man wirklich in einem Stück durchfahren – er wird beständig von einer stark befahrenen Bundesstraße begleitet, also erst recht niX mit stillen Wassern…

Trotzdem habe ich durchaus Lust bekommen, wenn wir dann auf unsere große Reise gehen, auch Holland nicht auszulassen, dann aber natürlich ohne jegliche Eile, was ja auch dem Land gerechter wird, als es nur als möglichst schnell hinter sich zu lassende, bremsende Etappe wahrzunehmend.


Wunschliste

Rückdatierter Beitrag…

Irgendwann im Herbst 2017 wurde aus der Idee von der Auszeit auf einem Boot ein Plan. Und konkrete Vorstellungen davon, welche Kriterien unser Schiff erfüllen soll. Hier ein paar davon:

  • Schiff: Verdränger, nicht mehr als 5l/h Dieselverbrauch, tauglich für französische Kanäle (max. 3,30m Höhe, max. 1,20m Tiefgang), den Rhein (max. 15m Länge), aber auch für küstennahe Gewässer (stabile Fenster, ordentliches Freibord, umlaufende Reling. Guter Zustand, keine Baustelle. Mindestens ein Außendeck, das auch Platz genug zum Schlafen und Schönwetterwohnen bietet. Wasserzugang (möglichst Badeplattform).
  • Technik: robuster und allseitig zugänglicher Dieselmotor (gerne Saug-), möglichst mit Kielkühlung (Winterbetrieb), gerne zwei Maschinen (Redundanz), Innen- und Außensteuerung. Dieseltank mindestens 300l. Für die Navigation nebst den Basics (Kompass) UKW-Funk mit DSC, AIS-Empfang, gerne GPS-gesteuerter Plotter. Navigationsbeleuchtung für Binnen und See.
  • Räume: mindestens 3: Küche, Salon und Schlafraum. Platz für Gäste. Toilette und möglichst auch eine warme Dusche. Das ganze auf jeden Fall geräumig wirkend und mit einer Stehhöhe ab 1,90m aufwärts.
  • Ausstattung: Wintertaugliche Heizung (lieber Wasserheizung als Luftheizung) mit Warmwasserversorgung, als Wärmequelle sowohl Motorabwärme als auch Landstrom und Dieselheizung. Mindestens 300l Frischwassertank, mind. 100l Fäkalientank. Isolierte Wände, Dichtschließende Türen und genug Fenster, um im Salon ordentlich Licht und Blick zu haben. Gemütliche Einrichtung, eher warm als chick, eher Schiff als Appartement. In der Küche Kühlschrank, Herd, Backofen – ungern mit Gasanlage…
  • Preis: Zum Plan gehört natürlich auch, auszurechnen, was man sich leisten zu können hofft, wenn man kein Blackrock-Aufsichtsrat ist: Wohn- und reisefertig nicht mehr als 50.000 Euro.
  • Das Alter spielte dabei eine untergeordnete Rolle, wichtiger war uns ein Zustand, bei dem wir nicht erst mit Grundinstandsetzungen hätten anfangen müssen. In ein historisches Schiff hätten wir uns sehr gut verlieben können!

Mal sehen, was wir davon würden umsetzen können…