Zum guten Schluss

Nun ist es geschehen: Elodie in neuen Händen. Viel Glück, Thessa und Christoph, möget Ihr genau so viel Freude an und tolle Erlebnisse mit Elodie haben wie wir.

Mit zwei Sprinterfahrten haben wir Elodie von unserem Hab und Gut befreit – was hat da nicht alles hinein gepasst! Thessa und Christoph haben wir noch drei Fahrtage begleitet, zurück durch den Elbe-Seiten-Kanal und noch bis Hannover Anderten. Eigentlich, weil ihnen ihr „Matrose“ leider kurzfristig ausgefallen war, aber so konnten sie das Schiff und die diversen Manöver auch gut kennen lernen und wir konnten ihnen noch viele technische Details zeigen und erklären.

Die Wartezeit gleich zu beginn vor dem zwei Tage gesperrten Hebewerk Scharnebeck hat uns noch Gelegenheit zu einem sehr lustigen Foto gegeben – man beachte den Arbeitsplatz auf der Hebebühne. Die fährt wohl sehr langsam auf und ab, warum sonst hätte der Mensch, der dort, tief unter dem hochgefahrenen Schiffstrog, arbeitet, sogar ein eigenes Toilettenhäuschen mit auf seine luftige Höhe bekommen?

Beim endgültigen Abmustern, dem letzten Weg vom Schiff zum Sprinter, kamen mir denn doch mal kurz die Tränen. Aber nur kurz. Denn wir sind so vollkommen zufrieden und froh über unsere Zeit mit Elodie und dieses gute Ende, besser hätte es nicht werden können. Alles ist so gekommen, wie wir es uns ausgemalt hatten. Elodie hat uns rechtzeitig vor dem Verlassen unseres „Bausteges“ in Wettin einmal richtig gefordert, als wir noch „mal eben“ die Zylinderkopfdichtung wechseln mussten, dort aber eben noch mit fachmännischer Begleitung durch Armins Bootsservice. Von da an hat sie uns – von vor Ort lösbaren Kleinigkeiten abgesehen, treu und verlässlich durch dick und dünn, süß uns salzig, ruhig und kabbelig, flach und tief befördert. Unsere Reise selbst war zwar durch Corona hier und da eingeschränkt, aber die zuvor grob vorgenommen Route und das Winterziel haben wir erreicht. Dass wir nicht in Frankreich überwintern konnten/wollten, war überhaupt nicht schlimm, denn, wie großartig: wir hatten ja im letzten Sommer bereits wieder ein Haus gekauft, in dem wir uns es gut gehen lassen und schon vieles anpacken konnten. Und am Schluss brauchten wir nur mit dem Finger zu schnippen und hatten für Elodie schon begeisterte Nachfolger gefunden. Ihre Vorfreude in den paar gemeinsamen Tagen an Bord mitzuerleben, hat uns unsere eigene von zwei Jahren zuvor noch einmal wachgerufen. Ihre Wertschätzung für Elodie, gerade auch für unsere Um- und Einbauten und technische Ausstattungen, hat uns das Gefühl gegeben, ein bisschen stolz sein zu dürfen auf unsere Arbeiten.

Und genau so blicken wir auch zurück auf die Zeit. Denn ein bisschen stolz sind wir schon, dass wir alle diese so unterschiedlichen Wasserstraßen mit ihren so unterschiedlichen Herausforderungen ohne Havarien oder Schrammen gemeistert haben.

Das im Rückblick spannendste an dieser Zeit war, in diese Welt der Wasserstraßen einzutauchen, nicht nur mal ein paar sonnige Wochenenden oder Urlaubswochen lang, sondern über viele Monate mit allen Höhen und Tiefen. Eine Welt, die fast etwas von einer Parallelwelt hat, zu der man dazugehört oder eben nicht. Es ist halt ein Unterschied, ob ich an einer Schleuse mal hinter dem Zaun stehen darf, oder ob ich sie selbst benutze. Ja, Parallelwelt trifft es ganz gut. Denn dieses Leben auf dem Wasser ist tatsächlich ganz anders, bedarf ganz anderer Überlegungen und Planungen, aber auch großer Flexibilität, Geduld und Demut gegenüber nicht beeinflussbaren Außenfaktoren wie Wetter, technische Probleme, Wasserständen, Schleusenwärtern.

Auch anders als in der Welt „an Land“: Es gibt viel mehr Eigenverantwortung. Das beginnt bei der Bootstechnik, die eben nicht von einem TÜV-„Ingenieur“ (die sich ja inzwischen auch auf Checklistenabhaker haben reduzieren lassen) beurteilt wird. Und setzt sich fort bei den diversen Verkehrsregeln – die, so wie Regeln ja eigentlich sein sollten, dazu dienen, Klarheit in klärungsbedürftigen Situationen zu verschaffen, aber nicht um ihrer selbst willen bestehen. Das beinhaltet eben auch, angesichts der Vielfalt möglicher Situationen, dass niemand auf ihrer Einhaltung pocht, wenn es gute Gründe gibt, eine Situation anders zu handhaben.

Viel haben wir gelernt über die Welt der Berufsschifffahrt, die ja vollständig in dieser Parallelwelt lebt. Und wir haben nicht nur ihr Geschick im Manövrieren ihrer riesigen Kähne wirklich zu bewundern gelernt, seit wir selbst unsere nur 20to zu steuern lernen durften – die Manöver sind erstaunlich gleichartig, bloß eben im zehnfachen Maßstab – sondern noch viel mehr ihre Gelassenheit, Geduld und Fairness im Umgang miteinander. Da werden im Funk Manöver abgesprochen, es wird sortiert, wer zuerst abfährt, indem man klärt, wer wie schnell fahren will, und das alles stets pragmatisch und lösungsorientiert. Auch wenn sie heute nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, wenn sie eine Nacht vor einer Schleuse liegen, sich am Kai am Grill zusammenhocken, wie ein Schiffer uns erzählte – auch diese Romantik ist dem Internet zum Opfer gefallen.

Das erstaunlichste Erleben war aber das völlig andere Zeitempfinden. Mit dem Auto fährt man ungeduldig in 5 Stunden von Schleswig-Holstein nach Köln, kommt dort ermüdet und genervt an und denkt sich „das hat aber wieder gedauert“. Mit dem Boot braucht man für solche Strecken zwei Wochen. Und denkt in Düsseldorf, nanu, eben waren wir doch noch im Saarland??

Und wenn wir schon beim Thema „Zeit“ sind: Wir hatten erstaunlich wenig Freizeit im Sinne von Langeweile oder mit zweckfreiem Tun zu füllender Zeit. Denn das gemächliche Fahren mit dem Boot, mit allem Vor- und Nachbereiten, Warten auf Schleusen, Instandhaltungsarbeiten im Wechsel mit der von Bord aus eben doch umständlicheren Organisation des Alltages hat die Tage meist gut gefüllt. Zeit für Ausflüge, Fahrradtouren, Stadtbesuche gab es immer, aber wir mussten sie auch immer bewusst nehmen und dafür in der Regel zwei Nächte am gleichen Ort verweilen.

Maria hat vor einigen Tagen eine lustige Bilanz gezogen von lauter Dingen, die uns nicht passiert sind. Aber jeden Tag hätten passieren können und auch, liest man z.B. das Boote-Forum, oft genug passieren. Das das alles an uns vorübergegangen ist, ist sicher zu einem Teil guter Vorbereitung zu verdanken, aber oft genug auch einfach Glück gewesen. Nur so ein paar Beispiele: Wir wurden nicht nachts oder bei Bootsabwesenheit losgebunden. Wir mussten nie umkehren, weil eine Strecke länger unbefahrbar war, z.B. wegen einer so richtig kaputten Schleuse. Weder Wasser noch Diesel noch Lebensmittel wurden uns je knapp. Der Anker hat immer gehalten. Wir haben weder andere Boote noch Kais oder Schleusenwände gerammt, und wurden auch nicht von anderen geschubst.

Ja, wir hatten in allen unplanbaren Situationen letztlich immer am Ende Glück bzw. einen positiven Ausgang. Z.B. in Sachen Finden von Liegeplätzen. Das einzige Mal, dass wir wirklich nicht dort untergekommen sind, wo wir eigentlich die nächste Nacht hätten verbringen wollen, und leicht grummelig mit ungewissem Ziel weitermussten, wurden wir dann unerwartet mit einer der schönsten Liegestellen belohnt, und die auch noch ganz kostenlos. Ansonsten haben wir sehr oft den einzigen oder letzten Platz am Steg, der Liegestelle oder im Hafen bekommen, und das war oft genug der schönste von allen. So war es auch eine Zeit, sich in Vertrauen bzw. Optimismus zu üben, dass es schon irgendwie gut werden wird, auch wenn man manchen Dingen einfach seinen Lauf lassen muss.

Dass wir, Maria und ich, uns, allen kleineren Alltagsreibereien, die sich immer mal einstellten, zum Trotz, einander nicht nur nicht überdrüssig geworden sind auf dem engen Raum, den wir fast ununterbrochen belebt haben, sondern sich unsere Beziehung in dem tägliche Miteinander auch weiter gefestigt hat, ist der vielleicht schönste Lohn dieser zwei Sommer zu Wasser.

Nun freuen wir uns aber auch wieder auf ein festes zu Hause, darauf, nicht fast jeden Tag ungewiss zu sein, wo wir die nächste Nacht verbringen werden und wie es dort aussieht, uns nicht alle paar Tage auf neue Herausforderungen und Regeln einstellen zu müssen, und wieder einen Alltag mit etwas geregelteren Tagesablauf und mehr Routine zu haben.

Die vielen Sachen aus dem Boot sind verräumt, und wir beginnen nun damit, richtig und für lange in unserem neuen schleswig-holsteinischen Zuhause anzukommen und dieses so herzurichten, wie wir es uns vorstellen.

Nun denn – Ade Elodie. Da fährt sie dahin… Der letzte Blick…

Und ist inzwischen gut und heil in Münster angekommen – denn natürlich haben wir doch hin und wieder auf Marinetraffic nachgeschaut, wo sie nun steckt Schon weil wir uns für das Gelingen der Überführungsfahrt, wenn auch nicht in vertraglicher, so doch in moralischer Hinsicht, noch ein Stück weit mit verantwortlich gefühlt haben.

Und damit ist auch dieser Blog „fertig“. Allen, die uns hier ein Stück begleitet haben, wünschen wir alles Gute und sagen danke für die Teilhabe. Für alle weiteren Kontakte benutzt bitte unsere Emailadressen kontakt .a.t. beiknut . de oder das gleiche mit beimaria. Tschüs sagen und alles Gute wünschen
Maria und Knut

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