lost in a lost place

und nun kommen wir zum hoffentlichen Tiefpunkt unserer Reise:

Wir hatten uns vier Schleusen nach Namur oberhalb der Schleuse ganz nett zur Nacht gelegt – im Schlafzimmer war auch der draußen extrem laute Brumm, mit dem das nahegelegene Umspannwerke die Luft erfüllte, nicht so störend. Danach, das hatten wir auf Google Earth schon erkennen können, würde es bis hinter Charleroi keine schönen Stellen mehr geben, und die ganze Strecke mit 11 Schleusen wäre an einem Tag nicht zu schaffen gewesen. So wollten wir uns das für den Sonntag aufsparen – auch insofern klug, als Sonntags keine Berufsschiffe geschleust werden, was eine sehr angenehem Fahrt, gerade in den Engen von Charleroi, versprach.

Doch es sollte anders kommen: Zum Glück noch in der vorletzten Schleuse vor der Stadt rief uns der Schleusenwärter aus dem Fenster herunter, ob wir denn wüssten, dass es hinter Charleroi nicht weiterginge? Nein, wussten wir nicht. Die Hoffnung, dass er nur die direkte Strecke nach Frankreich über die obere Sambre meint, deren Sperrung seit vielen Jahren besteht und bekannt ist, zerschlug sich schnell, nein, er meinte die andere Richtung, über die wir hinter Charlerois über Mons nach Frankreich fahren wollten. Genaueres war auf Französisch nicht zu klären, da er aus großer Höhe zu uns herabrief, während wir uns unten in der Schleusenkammer befanden, in die laut Wasser durch das undichte vordere Tor einströmte. Sollte dies nun das Ende unserer Reise werden?

Wohl wissend, dass es nach der Schleuse nur noch furchtbar aussehen würde, beschlossen wir, erst mal rückwärts wieder aus der Schleuse auszufahren, der Wärter öffnete das hintere Tor wieder für uns. Wir haben uns dann vor der Schleuse hinter ein den Sonntag abwartendes Berufsschiff gelegt und die nette Schiffersfrau angesprochen.

Sie bestätigte uns, dass hinter Charleroi zurzeit Schluss sei, aber nur für eine Woche. Am Montag, den 6. 9. soll es weitergehen.

Nun ja, grundsätzlich sind wir ja darauf eingestellt, dass wir auch mal, bedingt durch technische Pannen, eine Weile aufgehalten werden. Aber muss es ausgerechnet hier sein, in diesem auf unserer gesamten Reise hässlichsten Umfeld?? Und warum wussten wir davon nichts, trotz ausführlichem Durchsuchens der von der wallonischen Behörde betriebenen Seite mit den Nachrichten für Binnenschifffahrt?

Da der einzig mögliche Umweg mehrere hundert km weit ist und sich durch die ebenfalls längerfristig kaputte Schiffshebeanlage von Ronquieres noch weiter verlängert, zudem unzählige Schleusen passiert und auch noch durch den Corona-Hotspot Antwerpen und das gebührenpflichtige Flandern führt, beschließen wir, die Woche hier abzuwarten. Und wagen uns wieder mal auf das Fahrrad, um eine Stück die Sambre hinaufzufahren, in der Hoffnung, dort, hinter der Stadt, eine wieder schönere Warteumgebung vorzufinden.

Hier klärt sich dann, warum wir die Meldung nicht gesehen haben – wir unterhalten uns mit einem netten Schleusenwärter, der für uns von seinem Tower heruntersteigt. Einen Computer gibt es in dieser Berufsschiffsschleuse leider nicht, aber nach einem Telefonat weiß er Bescheid: Die Behörde gibt nicht mehr alle Meldungen auf ihre eigenen Seiten, sondern nur noch auf die kommerziell (von einem Hersteller für Navigationssoftware für die Berufsschifffahrt) betriebenen Seiten https://spw-nts.periskal.com/?River=Canal+Charleroi+-+Bruxelles&FromKm=&ToKm=&ValidityFrom=01%2F08%2F2020&ValidityTo=30%2F08%2F2020&MessageType=FTM . Und da ist sie auch zu sehen, die Sperrung. Wäre ja nett gewesen, wenn die Behörde auf ihrere eigenen Seite zumindest darauf hingewiesen hätte… Und ja, das gilt natürlich nur für die Wallonie, Sperrungen in Flandern werden dort nicht ausgewiesen. Was in der Wallonie funktioniert, darf ja in Flandern gar nicht klappen können…

So, und die Radtour? Hat mich nachhaltig betroffen hinterlassen. Die Bilder haben mich bis in den Schlaf verfolgt. Ich wusste nicht, dass es sowas in Westeuropa gibt. Ich bin ja früher viel gereist, und gerade in Italien gab es auch viele Regionen, die von Armut und den Spuren gescheiterter Industrieanlagen gezeichnet waren, das, was wir auf unsere Radtour durch Charleroi erleben, ist aber eine ganz andere Nummer. Wir fühlen uns kilometerweit wie in einem postapokalyptischen Szenario. Die den Fluss umfassenden Betonmauern türmen sich höher und höher, der Radweg verläuft eine Weile oben auf der Kante, neben den Resten von Zäunen, die die verrottenden Industrieanlagen und Schutthalden im Zaum halten sollen. Zur Stadt hin vergräbt er sich dann in die Betonwand hinein, man fährt in einer Nische, knapp über dem Kopf die Betonplatte, die die oberhalb über den Fluss hin verbreiterte Straße trägt. Es gibt über viele hundert Meter keinerlei Ausgänge. In den Nischen und Ritzen sammelt sich der Müll der Stadt, Sperrmüll, aufgeplatzte Müllsäcke, es stinkt nach Urin.

Vor uns taucht eine menschliche Gestalt auf, die sich in epileptischen Zuckungen auf den Beinen hält und uns beim Näherkommen aus irren Augen anstiert. Zum Glück weicht er zum Fluss hin aus, so dass wir zwischen dem Zivilisationsmüll, der seine Lagerstatt bildet, und seinen Exkrementen, die die flusseitige Hälfte des Weges bedecken, mit trockenen Reifen hindurch fahren können. Später, dem Halbtunnel entkommen, müssen wir den Fluss nebst anschließender vielspuriger Bahnanlagen überqueren, neben der vierspurigen schlaglöcherigen Bundesstraße, durch eine hohe Leitplankenkonstruktion und Flussseitig ein Geländer geschützt. Wir müssen unsere Räder über eine großflächige Straßenwegweisertafel hinwegheben, die vom Mast gestürzt quer über den gesamten Radweg liegt. Am Ende der Brücke fällt der Weg über die gesamte Breite in ein 2m tiefes Loch, in dem vor langer Zeit mal ein Kabelbruch offengelegt worden war, die Kabel hängen rostend heraus, die Absperrung des Loches liegt zur Hälfte in dem selben.

Dann geht es mehrere km lang an der vierspurigen Straße entlang, gegenüber hinter Stacheldraht und Betonmauern weitläufige Bahnanlagen, rechts gigantische verrottende Stahl- und Betonhallen, die im weiteren Verlauf zunehmend noch genutzt werden.

Außerhalb der Stadt, wieder am Flussufer, finden wir aber keine schönere Anlegestelle – an einer Schleuse, von der wir wissen, dass sie in einigen Tagen gesperrt werden wird, weshalb wir darüber hinaus mit dem Boot nicht fahren sollten, machen wir kehrt. Wir achten darauf, dass wir nicht durch zu viele Glassscherben fahren, die aus der gigantisch großen Fassade der verfallenden Bauwerke des ehemaligen Kraftwerkes gefallen sind, bespritzen uns beim Durchfahren einer Sand- und Zementumschlaganlage, durch die der Weg mitten hindurch fährt, Rad und Hose, und fahren am Fluss entlang zurück in die Stadt – dieses Mal finden wir den Radweg, der auf der anderen Seite der eben beschriebenen Stahl- und Betonhallen schmal am Fluss entlangführt. Die Anlagen erstrecken sich über beide Flussseiten, verrostete Rohr-, Kabel- und Förderbrücken überqueren Fluss und uns, wir schauen ängstlich nach oben, hoffend, das keines der herabhängenden Teile gerade jetzt auf uns herabfällt. Irgendwo ist eine kleine Gruppe von Männern damit beschäftigt, mit großen Magneten, die sie in den Fluss auswerfen, Schrott aus demselben herauszufischen, den sie vermutlich bei einem Schrotthändler in etwas Bargeld verwandeln wollen. Wir kommen gerade vorbei, als sie ein so schweres Teil heraufziehen, dass sie zu viert an dem Tau zerren.

Dass zwischen all diesen Anlagen auch noch immer wieder kleine Häuser standhalten, in denen Menschen wohnen, zwischen Gestank, Müll, Maschinenlärm, zerrt an meinen Nerven. Und das alles eben nicht nur mal an einem Punkt, sondern kilometer- und hektarweit.

Erst in der direkten Innenstadt von Charleroi gibt es eine kurze Etappe von wenigen hundert Metern, in denen der Fluss für die Stadt zugänglich ist, mit ein bisschen gestalteten Uferterassierungen. Wir entscheiden uns, von dort aus nicht wieder den gruseligen Halbtunnel zu nehmen, sondern lieber auf Stadtstraßen am Haubtbahnhof entlang bis zu einer späteren Brücke zu verweilen.

Es scheint in Belgien tatsächlich keinerlei Pflicht zu geben, Industrieanlagen wieder zurückzubauen. Stattdessen werden unbrauchbare Anlagen stehen gelassen, und auf benachbarten Brachflächen neue Anlagen errichtet, die aber alle, wieder aus Stahl und Beton, auch schon wieder angegammelt und heruntergekommen aussehen. So fressen diese Anlagen nach und nach jegliche Natur, jegliche Lebensqualität, jegliche menschenwürdige Umgebung. Die flächenfressendsten Firmen, die wir gesehen haben, waren übrigens der Stahlmarktführer Arcelor Mittal und die Firma Air Liquide, beides große, weltweit agierende Aktiengesellschaften.

Fazit dieser Erkundungstour: Wir verzichten darauf, durch diese apokalytischen Gruselkabinette auch noch mehr mit unserem Schiff fahren zu wollen als nötig und bleiben lieber an der Trennmauer vor der Schleuse, in der man uns zum Glück auf die spätere Sperrung hingewiesen hatte. Hier ist es immerhin erträglich, oberhalb der Betonwände des Flusses gibt es auch mal Grün. Auch wenn es die graustaubigen Halden, die die Sicht auf die gegenüberliegenden Verrottenden, mehrere hundert Meter langen Stahlhallen, nur unzureichend verdeckt…

Zum Schluss doch noch zwei Bilder – das eine zeigt, wie die ganz harten, die tatsächlich mit Kanus durch diese Betonwüsten paddeln, durch die Schleuse kommen – umtragen wallonisch – denn Kanus werden hier nicht geschleust. Das andere zeigt, was so alles auf dem Wasser schwimmt, wenn die Schleuse ihr Tor geöffnet hat.

Hier werden wir nun eine Woche verweilen. Aufgeschobene Dinge erledigen, ich werde mich mal mit meinem Raspberry beschäftigen, denn ich möchte gerne mit Linux vertraut werden, Filme schauen, deren wir reichtlich auf der Festplatte haben, Fischerhütte-Pläne schmieden und mit Muße und Liebe leckere Mahlzeiten kochen wie heute – die Roularde ist gefüllt mit einer Fetapaste italienischen Kräutern.

In einer Woche, so der Schleusengott will, geht es dann weiter, noch drei Tagesetappen bis zur Französischen Grenze, noch ca. 500km oder ca. 30 Fahrtage bis zu unserem Winterziel Auxerre…

Ein Gedanke zu „lost in a lost place

  1. Hallo Ihr zwei Weltenbummler.
    Erst einmal ein paar ganz liebe Grüße von den „Calbensern“ an Euch beide.
    Ich lese Deinen Blog regelmäßig und immer sehr gespannt und bin immer wieder beeindruckt wie Facettenreich doch die Orte sind.
    Im übrigen sind die Wasserstände hier bei uns alle recht gut, so das in drei Wochen die Heimreise beginnen kann.
    Hab ein neues Handy und leider Deine Tel. Nummer nicht aufgeschrieben, wenn Du Sie mir nochmal sendest wäre toll.

    Eine Gute weiterfahrt wünscht Ingo.

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