Belgien kann auch schön sein, allerdings…

kaum an den Flüssen und Kanälen. Erst wenn man sich in die Seitentäler oder Berghänge begibt, findet man die schönen Seiten der Wallonie, die es ja reichlich gibt, das weiß ich noch von meinen Zeiten in Aachen. Es ist umgekehrt wie in Sachsen-Anhalt: Da war es eigentlich nur vom Fluss und in den Flusstälern schön, in der Wallonie ist es umgekehrt.

Wir sind weiter bis kurz vor Namur, nach Beetz, gefahren, hier mit durchaus schönen Abschnitten, z.B. die Durchfahrt durch Huy oder die von steilen Felswänden begleiteten Flussabschnitte, wenn die mal nicht von Steinbrüchen zernagt wurden. Deshalb zunächst mal ein paar schöne Bilder:

Doch selbst hier ist der Fluss durchgängig von steinernen Wänden eingefasst. Bahn und Straße drängen sich zwischen Ufer und Fels. Kraftwerke, Betonwerke, Fabriken und Steinbrüche wechseln einander ab. Bei der nächsten Schleuse wird es richtig unangenehm:

Wir passieren das alte Kernkraftwerk Tihange. Das ist das berüchtigte Kernkraftwerk, wegen dessen in 2017 in Aachen und Eifel alle Einwohner kostenlos Jodtabletten abholen konnten. Und wenn man den Wartungszustand belgischer Technik sieht, fällt es wirklich schwer, dem Kraftwerk zu trauen. Die Reaktordruckbehälter, auf den Bildern die kleinen Töpfchen mit dem garantiert Flugzeugabsturzsicheren gewölbten Deckel, hat bekanntlich tausende von Rissen. Hier mehr darüber: https://www.quarks.de/technik/energie/darum-ist-der-reaktor-tihange-2-trotz-sicherheitsbedenken-am-netz/

Auch was die Menschen an Wohnsituationen hinzunehmen bereit sind, ist immer wieder unfassbar. Es gibt ganze Häuserzeilen, die direkt hinter dem Haus, wo andere Leute einen Garten hätten, einen Bahndamm haben, dahinter dann ein Betonwerk nebst Steinbruch, auf der Vorderseite direkt vor den Stufen zur Haustür dröhnt die Bundesstraße vorbei, und wenn sie aus dem Fenster über den in Beton gefassten Fluss schauen, schauen sie z.B. auf die Reaktoren und Kühltürme des Kernkraftwerkes Tihange.

Auch hier sind die Flussufer von bewohnten Schiffen gesäumt, das auf dem ersten Bild hat sich als Liegeplatz ausgerechnet die Mauer direkt gegenüber des Kernkraftwerkes ausgesucht. Und ja, es ist bewohnt, jedenfalls saß jemand darin und arbeitete auf seinem Laptop.

Wir passieren auf unserem Weg auch noch ein trauriges Unglück: Ein gesunkenes Frachtschiff – und kein schrottiges, bei dem das nur noch eine Frage der Zeit war, sondern ein schickes, modernes…

Es ist allenthalben auch ein weiteres belgisches Problem zu sehen, nämlich, dass nicht mehr gebrauchte Anlagen und Bauten nicht abgebaut werden. Unsere letzten drei Nächte hatten ja kurz vor einem Biomassekraftwerk gelegen, das vor einigen Jahren durch Umrüstung eines Kohlekraftwerk entstanden war – das wird übermorgen seinen letzten Tag haben. Ob der riesige häßliche Kasten, der den Blick aus einem gesamten Seitental verstellt, dann abgerissen wird, ist bisher nicht geklärt. Wahrscheinlich nicht, denn die Ufer sind ja auch sonst gesäumt von verfallenden Industrieanlagen. Oder auch verfallenden Schiffen, ich hoffe jedenfalls, dass diese nicht mehr bewohnt sind, auszuschließen ist das aber nicht:

Schließlich haben wir dann den sehr schön gelegenen Hafen von Beez erreicht, ein nettes kleines Hafenbecken mit einem äußerst freundlichen Hafenmeister, der in einem Wohnboot am Anfang des Steges wohnt. Er gibt uns noch einige Auskünfte zum weiteren Fahrweg Richtung Frankreich. Es gibt tatsächlich nur noch einen – nicht mehr über die Haut-Meuse und den Canal des Ardennes, weil die Schleuse in Dinant aktuell beschädigt und eine Schleuse im Canal des Ardennes schon seit vielen Jahren eingestürzt ist, nicht über die Sambre, weil hier vor vielen Jahren eine Talüberbrückung undicht ist, sondern nur über Charleroi, den Canal de Charlerois à Bruxelles, Mons, den Escaut und den Canal du Nord oder den Canal de Quentin nach Paris.

Wir verweilen zwei Nächte in diesem schönen Hafen. Hier liegen auch zwei Wohnschiffe, die aber recht gepflegt daherkommen.


Am Ankunftstag haben wir einen Fahrradausflug nach Namur gemacht: Eine wirklich tolle Altstadt im Zusammentreffen von Meuse- und Sambretal, hoch darüber eine gigantisch große Festungsanlage genau in der Spitze des Zusammenflusses. In der Stadt reichlich historische Bauten und munteres Leben auf Plätzen und in den Gassen. (Wobei die Leute in Belgien bezüglich Corona vorsichtiger sind als die völlig unbekümmerten Holländer, sie tragen Masken zum Teil sogar in den Straßen. Das Land hat aber auch eine der höchsten Infiziertendichten von Westeuropa.)

Trotzdem muss man auch hier staunen, wie respektlos man in Belgien mit der historischen Substanz umgeht – mit wilden Anbauten, Werbetafeln oder völlig unpassenden Fenster- oder Türeinbauten, noch mehr aber durch brutale Bedrängung duch hässliche Betonbaukörper. Und man muss staunen, wie brutal sich das Leben der Menschen dem Verkehr unterzuordnen hat. Klägliche Versuche von Radwegen, die sich irgendwo inmitten mehrspuriger Schnellstraßenverzweigungen in nichts auflösen, „Fußwege“ von kaum 50cm Breite in engen Straßen, durch die die LKW’s donnern… Radfahren grenzt hier an Selbstmord, bis auf weniger Rennradtrainierende sieht man auch keine Radfahrer. Die Stadt wird durch einen riesigen Verschiebebahnhof durchschnitten, wieder mit kleinen Löchern im Beton als Radunterführungen.

Am Ufer der Maas gibt es einen betonierten Rad- und Fußweg, der ohne Geländer an der Mauerkante entlangläuft, der führt von unserem Ort Beez in die Stadt Namur hinein – wenn man denn weiß, wo man, nachdem man am Zaun einer Schrottverladeanlage umkehren musste, nach dieser wieder über einen Firmanparkplatz und um ein Gebäude herum wieder darauf gelangt – Schilder gibt es nämlich nicht. Da der Radweg über lange Strecken durch den Bahndamm von Straße und Häusern abgetrennt ist, gibt es gelegentlich großzügig angelegte Fußgängerunterführungen – auf dem ersten Bild erkennt man, dass auch an Radfahrer gedacht wurde. Die Höhe der Unterführung auf dem dritten Bild beträgt ca. 1,60m. Und ja, es sind wirklich ernst gemeinte Unterführungen.

Zum Schluss aber noch mal zwei schöne Häuser am Ufer – das Schlösschen auf dem zweiten ist allerdings unzugänglich, denn es gehört zu einer militärischen Anlage, in der Soldaten das Klettern üben. Deshalb auch der Klettersteig über dem Haus im dritten Bild:

Morgen geht es dann weiter, in die Sambre hinein und übermorgen durch Charleroi – das soll, versprechen andere Bootsreisende, die hässlichste und schmutzigste Stadtdurchfahrt von allen in Europa sein. Wir bleiben gespannt… Eventuell erspare ich da mal einen bebilderten Bericht, ich will mich ja nicht mit den Belgiern überwerfen.

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