Hauptstadtrunde

Nun liegen wir wieder an der Kaimauer vor dem Schloss Plaue. Hinter uns liegt die „Hauptstadtrunde“. Abwechselungsreich, spannend. Und mit niedrigen Brücken, engen Passagen und Fahrgastschiffahrt auch nicht ganz so einfach – deshalb gibt es nicht so viele Bilder.

Wir sind von Werder aus über Potsdam nach Spandau gefahren, dort nach einer Nacht am 24-h-Kai durch die Charlottenburger Schleuse. Statt über die Spree mussten wir über Westhafenkanal und Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal „von oben rein“ in die Stadtmitte. Nicht durch das Regierungsviertel, aber an Hauptbahnhof und Museumsinsel ging die Reise entlang.

Die Ausflugsboote sprechen im Funk nicht mit Sportbooten, erwähnen sie aber bei ihren Absprachen mit.

Wie haben wir das für die Funkprüfung gelernt? Ungefähr so: An alle – an alle – an alle – hier ist Fahrgastschiff Müritz – Müritz – Müritz. Wir nähern uns auf Talfahrt der Jannowitzbrücke.“ In Berlin geht das so: „Müritz Jannowitzbrücke zu Tal“. Bei der Dichte des Schiffsverkehrs wäre das aber auch in der korrekten Form gar nicht möglich, mangels Zeit.

Wenn ein Sportboot einem Fahrgastschiff folgt, kommt hinter dem Spruch noch ein „und Sport“. Ist aber eigentlich auch egal, denn für Sportboote warten gibt es sowieso nicht – wir haben es vorgezogen, vor schmalen Brücken oder engen Kurven zu warten, bis der Gegenverkehr durch war. Ein Hoch auf den AIS-Empfänger, der uns den Gegenverkehr gezeigt hat, bevor wir ihn unter der Brücke sehen konnten!

Eine ganz andere Berlin-Erfahrung, so komplett vom Wasser aus. Man fühlt sich an nur im innersten Kern wirklich in einer großen Stadt, ansonsten fährt man etwas durch Hafenanlagen und viel durch Grünanlagen und fragt sich, wo denn hier bitte die Leute sind!

Auf dem PC-Bildschirm hatten wir die Brückentabelle. Ich habe Maria aus dem Naviprogramm die nächste Brücke vorgelesen, und sie hat in der Tabelle die Höhe abgelesen. Wir wissen nun, dass die Höhenangaben im Navionics-Naviprogramm völliger Unsinn sind – Meistens viel zu niedrig, gelegentlich aber auch zu hoch, was dann richtig gefährlich ist. Die niedrigste ist die Jannowitzbrücke, bei Navionics mit 3,90m angegeben, in Wirklichkeit 4,10m. Die Schillingbrücke ist bei Navionics mit 3,30m angegeben, tatsächlich ist sie 4,68m. Gut, dass wir uns nicht auf die Navionics-Karten verlassen, sondern die Tabelle des WSA Berlin ergooglet hatten, sonst hätten wir uns nämlich gar nicht nach Berlin hineingetraut.

Durch dieses schmucke Tor geht es dann aus der Stadt hinaus in Richtung Spree. Zum Glück wurde in der Mitte wohl der Steinbogen einst durch die deutlich höhere Stahlkonstruktion ersetzt…

An sich ist die Idee mit den freien 24-Stunden-Liegestellen ja großartig, und an fast allen war auch reichlich Platz. Nach der Stadtschleuse kam allerdings erst die im Spreekanal, der nur für sehr viel kleinere Boote erreichbar ist, und dann die am Rummelsburger See.

Und die war leider belegt – mit einem Boot und einer riesigen Luxuskiste. „Kiste“ nennen wir diese rechteckigen Hütten auf Schwimmkörpern, die mehr und mehr in Brandenburg und Berlin unterwegs sind. In der Glasverande der Kiste saßen die Bewohner und schauten unbekümmert zu, wie die Sportboote nicht an den Anleger kamen. Es wirkte auch irgendwie so, als lägen sie schon ein paar Tage dort – das sollte sich dann auch am nächsten Tag bewahrheiten, an dem sie entspannt liegen blieben. Im Eingang stand ein hochsteigender Hengst aus vergoldetem Plastik, auf dessen erigiertem Penis die Handtücher für die Veranda bereit hingen. Tja, werden sich die Bewohner gedacht haben – wer sich an die Regeln hält, verliert.

Wir haben dann versucht, im gegenüber liegenden Rummelsburger See zu ankern – was leider mal wieder am für schlammigen Boden ungeeigneten Anker scheiterte. Unser besserer Anker, den wir bei Bukh Bremen bestellt haben, wartet seit gestern auf der Genthiner Werft darauf, dass wir ihn dort abholen…

Spannend war die Ankerplatzsuche aber doch… Was ist denn hier los, denkt sich, wer nichts ahnend in den Rummelsburger See einfährt. Überall liegen Boote und bootsartige Schwimmkörper vor Anker, teils zu größeren Gruppen zusammengeknotet, teils einzeln. Die meisten davon haben ihre besseren Tage lange hinter sich, einige sind notdürftig aus Plastik und Holz zusammengezimmerte schwimmende Buden.

Was es damit auf sich hat, lässt sich hier nachlesen. Mal sehen, wie lange sie noch durchhalten, bis dort behördlich Ordnung geschaffen wird… Wir emfinden beides: Freude über solche Freiräume für buntes, anderes Leben, und Trauer darüber, dass dies nach kurzer Zeit Formen annimmt, die für die Umgebung nicht mehr erträglich sind.

Die gescheiterten Ankermanöver bedeuten für uns, dass wir nun doch einen nahen Hafen anlaufen müssen, der aber sehr schön an einem Schiffsrestaurant angedockt ist, gleich unter der Brücke zur „Insel der Jugend“, von der auch das nachfolgende Abendfoto kommt.

Am nächsten Tag konnten wir dann die freie Liegestelle anlaufen, wir hatten vom Hafen aus (im Hintergrund) geschaut, wann das dort liegende Boot wegführe. Die Kiste bleibt natürlich da…

Hier hatten wir dann zuerst ehemalige AntoniQ-Kunden zu Besuch, später dann andere Freunde, die die nächsten zwei Tage mit an Bord blieben.

Am morgen gab es dann beim Frühstück unsere Obst – Brötchen – Obst – Etagiere. Gemeinsam ging es dann durch den Teltowkanal wieder Richtung Südwesten, mit einer Übernachtung an einer geräumig freien Liegestelle, durch die Schleuse Kleinmachnow, durch den Stölpchensee – wer hier ein Ufergrundstück nebst schlösschenartiger Villa sein eigen nennt, hat es wohl geschafft im Leben – bis in den südlichen Wannsee.

Dort, nach einem am Flachwasser gescheiterten ersten Versuch, fanden wir einen anfahrbaren Steg eines Segelclubs, wo die beiden von Bord gingen.

Wie wir im Nachhinein erfuhren, hatten die beiden da noch ein tolles Erlebnis Berliner Gastfreundschaft – sie wurden heftig von mehreren Damen und Herren älteren Semesters attackiert, was ihnen einfiele, einfach in das private Clubgelände einzudringen, und schließlich mit der Aufforderung, sich nie wieder blicken zu lassen, Richtung Straße aus dem Tor geschoben. Die Reichen vom Stölpchensee können es nicht gewesen sein – die hatten ihre schwimmenden Geräte gleich am Fuße ihres Parkgrundstückes liegen…

Nun ging es auf bekannten Wegen zurück, über Potsdam und Werder nach Plaue, wo wir nun wieder für zwei Nächte verbleiben werden, um dann über Genthin Richtung Magdeburg und von dort weiter „in den Westen“ zu reisen.

Ein unglaublich schönes Erlebnis gibt es noch von der Übernachtung vor Anker bei Potsdam, im Nordwestzipfel des Templiner Sees: Dort gibt geht ein abkürzender kleiner Kanal Richtung Potsdam Stadt, der nur für unmotorisierte Boote freigegeben ist. Der führt durch eine richtige Urwaldwildnis, mit Wurzelungetümen an den Ufern und jeglichem Vogelgeräusch.

Auf der anderen Seite sind wir noch ein Stück Richtung Seeufer gerudert und wurden dort aus zwei Metern Abstand Zeuge, wie völlig ungerührt ein Blesshuhnpärchen an seinem schwimmenden Nest baute. Die oder der eine saß oben auf und zupfte und flocht Halme zurecht, der oder die andere kam vom Ufer angeschwommen und übergab Baumaterial. Direkt vor unseren Augen. Toll!