Eine erste Nacht ohne Hafen

Nach mehreren Wochen Unklarheit darüber, was man auf dem Wasser in Sachsen-Anhalt darf und was nicht, hat die WSP inzwischen klargestellt: Ja, man darf Motorboot fahren. Und auch am Boot sein – nur eben nicht als Tourist, aber das Boot ist ja unsere Wohnung. So sind wir also seit einigen Tagen wieder auf unserem Boot. Die WSP ist schon einige Male vorbei gefahren und hat uns freundlich zugewunken.

Den Auspuff vom Generator haben wir nun umkonstruiert, er hat nun einen eigenen seitlichen Ausgang, schön mit Wassersammler und Schwanenhals, damit uns keine Welle in den Auspuff schwappen kann. So können wir ausschließen, das Seekühlwasser aus dem Generatorauspuff in die Hauptmaschine zurückschwappt – auch das könnte eine Ursache für das Wasser im Öl gewesen sein, neben der wahrscheinlicheren Ursache der undichten Zylinderkopfdichtung.

Und wir haben nun auch unsere ersten drei Probefahrstunden hinter uns. Und das Öl: Sieht immer noch aus wie frisches Öl. Es scheint, dass wir unser Ziel erreicht haben! Sicher behaupten würde ich das erst nach zehn Fahrstunden, aber wir sind mittlerweile sehr optimistisch. Welche Erleichterung!

Die Saale macht merkwürdige Sachen… Auf und ab, mehrmals täglich. Worauf soll man sich da verlassen?? Immerhin, der mittlere Trend ist nicht mehr abwärtsgerichtet. Wir brauchen für unsere 1,25m Tauchtiefe einen Pegel von 3,50, dazu 10cm, die sprichwörtliche Handbreit Wasser unter dem Kiel. In den letzten Tagen hätten wir also täglich gegen 11:00 aus der Saale ausfahren können.

Am Ostermontag sollte es ein ganz ordentlich regnen. Wir hatten darum beschlossen, Montag nachmittag die Saale abwärts zu fahren, z.B. bis Bernburg, um dort „auf der Lauer“ zu liegen für den vielleicht für dieses Jahr letzten kleinen Flutberg… Die Elbe am Domfelsen spielt im Moment noch mit.

Zwar sind auch in Brandenburg, wohin uns der Elbe-Havel-Kanal hätte führen soll, die touristischen Einrichtungen, auch die Bootshäfen, noch geschlossen – wir hätten also ankern oder öffentliche Liegestellen aufsuchen müssen. Aber wir sind nun mal auf diesekleiner werdenden Zeitfenster des Saalepegels angewiesen, sonst können wir unsere schwimmende Wohnung nicht mehr nach Brandenburg überführen. Und wo sonst kann man die Abstandsregeln besser einhalten als auf dem Wasser…

So verbrachten wir heute als „letzten Test“ für unser ganzes technisches Konzept eine erste Nacht ohne Steg, etwas oberhalb von Wettin, vor Anker.

Es ist wunderschön hier, genau wie wir uns das für die nächsten Monate ausgemalt haben – allerdings noch mit dem „sicheren Hafen“ im Rücken, genauer gesagt, ein paar km flussabwärts. Am Nachmittag benutzen wir auch zum ersten Mal unsere im Winter montierte Badeleiter und tauchen ganz kurz mal in die Saale ein. Sie hat knapp 14°. Juhu – „angebadet“! Um wieder warm zu werden, gibt’s danach noch ein Eis in der Sonne.

Wir genießen den Abend und die Abendsonne, stellen noch einen Haken für den Ankerball her, und essen leckere geräucherte Forellen, die uns ein Wettiner Nachbar heute zu Ostern vorbeigebracht hat. Danke, Fred!

Am Ankerlicht zeigt sich noch ein leicht zu behebender Wackelkontakt. Zur Nacht wird am AIS-Transceiver der im Falle des Falles deutlich hörbare Ankeralarm eingeschaltet.

Gute Nacht!

Am nächsten morgen, um 7, statt wie angekündigt, um 9 Uhr dann der versprochene Regen.

Der um 7:30 schon wieder vorbei ist und nur aus ein wenig Niesel bestand.

Damit ist unser Plan wieder im Eimer, wir legen wieder in Wettin an, fast schon gefühltes „zu Hause“. Der Wetterbericht zeigt keinerlei Aussicht auf Regen in den nächsten Tagen, alle Pegel auch der Zuläufe in die Saale fallen von Tag zu Tag. Kein Wasser mehr in der Saale schon vor Mitte April – das gab’s noch nie. Ein Telefonat mit der Leitstelle in Bernburg macht uns keine Hoffnung – sie haben ihr 90cm tief gehendes Arbeitsboot schon abgezogen, weil sie nicht mehr mit steigendem Pegel rechnen. Es müsse schon zwei Tage durchregnen, damit sich da noch mal was tut. „Da seid Ihr eine Woche zu spät“, ist der mitleidige Kommentar des Schleusenwärters.

So haben wir nun auch, bei aller Schönheit unserer gegenwärtigen Situation, unseren Corona-Schaden. Wir schicken eine Anfrage an eine Spedition für größere Boote… Wenn bis Mitte Mai kein Regen mehr kommt, bleibt uns nur noch diese Wahl, oder wir dürfen bis November auf den 100km Saale auf und ab fahren. Dafür war Elodie III ein bisschen teuer…

Immerhin verschafft uns Armin noch einen Liegeplatz in Calbe, direkt oberhalb der letzten Schleuse. Falls doch noch mal Wasser kommt, können wir dann immerhin sofort reagieren und in die Elbe ausfahren. Wieder mal danke, Armin!

vom mühsamen Sieg über einen rostigen Bolzen

Bevor uns Corona in die Pause schickte, haben wir die größte Herausforderung noch meistern können: Wir haben den Zylinderkopf herunterbekommen. 3 Tage lang haben wir gekämpft, den einen Stehbolzen, dessen Schaft sich mittels Rost mit der Bohrung im Zylinderkopf „verschweißt“ hatte, zu besiegen. Immer und immer wieder mittels Induktionsheizgerät zur Gluthitze gebracht, mit Rostlöse-Eisspray ruckartig abgekühlt, den Kopf in der Umgebung des Bolzens mittels Heißluftfön auf ca. 90° erhitzt, den Bolzen wieder schlagartig abgekühlt, mit dem Bohrhammer mit stumpfem Meißel seitlich auf eine auf den Bolzen gedrehte Mutter eingeschlagen.

So sieht ein Induktionsheizgerät aus, dass uns Armin geliehen hat, das er selbst von der örtlichen Autowerkstatt geliehen hat. Genial, so ein Gerät: Die Spirale vorn wird über den Bolhzen gehalten, und nach wenigen Sekunden ist der rotglühend!!

Mittels einer durchgesägten Mutter, deren zwei Hälften wir als Konterung gegeneinander gedreht hatten, versucht, den Bolzen selbst zu drehen – alle anderen Bolzen gaben bei dieser Behandlung ein oder zwei Grad nach, der eine nicht. Den Rostlöser ein paar Stunden einwirken lassen und die nächste Runde. Insgesamt wohl 20 oder 30 mal. Immer wieder probieren, ob sich etwas bewegt, mittels eines in der Nähe des Bolzens unter eine Kante des Kopfes geklemmten Wagenhebers. Die anderen Bereiche des Kopfes konnten wir ca. 1/2mm hochdrücken.

Aber bei dem festen Bolzen gar nichts. Ermutigungen und Geduldsaufforderungen im Boote-Forum und von unserem Bootsservice in Gestalt von Armin.

Am vierten Tag, fast genau um 12:00 Uhr, wieder mal den Wagenheber angesetzt und geschaut, und auf einmal sehe ich Licht von Gegenüber. Ich konnte unter dem Kopf „durchschauen“. Das konnte nur eines bedeuten: Er muss ich minimal gehoben haben.

Nun von oben einen Kettenzug an der anderen Seite angesetzt, der oben an einen Balken gehängt war, welcher quer über unser Dachluke lag, und an beiden Seiten des Kopfes möglichst gleichmäßig gedrückt und gezogen. Und das lang ersehnte und kaum noch erhoffte geschah: langsam, aber stetig, hob sich der Kopf!!

Welche Freude und Erleichterung!

Und was fanden wir? Nun, keinen ordentlichen Riss der Dichtung, was die sicherste Erklärung für das Wasser im Öl gewesen wäre… Aber doch sehr ausgeprägte Abnutzungsspuren, die Dichtung war um einige Zylinder herum sehr dünn, die Oberflächenstruktur nicht mehr erkennbar. Kann schon gut sein, dass das Wasser durch konnte, meint Armin. Und der zweite Zylinder sieht auch im Vergleich zu den anderen saubergewaschen aus, hat also offensichtlich immer wieder Wasser zu schmecken bekommen. Das erkennt ein alter Hase im Boote-Forum sogar auf dem nachfolgenden Bildern!

Es folgten die üblichen, mühsamen Schritte: Reinigen der Oberflächen mit einem Spachtel und dann einer Rasierklinge, genaue Betrachtung der Flächen und der Zylinder. Armins Urteil: Sieht gut aus. Der Motor dürfte schon einiges an Laufleistung hinter sich haben, da die Zylinderflächen keinerlei Hohnspuren mehr aufwiesen, waren aber völlig glatt, ohne Riefen oder ähnliches. Der Kopf zeigte sich mit dem Planlineal als völlig eben, ein Anschliff sollte nicht nötig sein.

Firma Drinkwaard hat dann auch pünktlich einen neuen Kopfdichtungssatz zugeschickt.

Nun heißt es, alles schön wieder zusammenfügen. Wo standen doch gleich die Anzugsdrehmomente für die Zylinderkopfschrauben? 260Nm!! Mehr als ein halber Meter lässt sich im Motorraum kaum händeln. Also bedeutet das, in verrenkten Körperhaltungen neben dem Motor mehr als 50 kg zur Seite drücken! Armins großer Drehmomentschlüssel lässt sich nicht beschummeln und knackt erst, als mein Kopf deutlich rot gefärbt ist.

So weit, so gut. Wenn alles wieder montiert ist, steht ein Probelauf, weitere Motorspülungen und schließlich die Probefahrt an.

Doch nun liegt der nächste Stein im Weg: Der Corona-Virus bremst uns nun erst mal aus. Ob das alles noch was wird bei jetzt schon bedenktlich sinkender Saale? Sie verliert gerade täglich 5 – 10 cm und ist schon auf 1,5m herunter. Wir brauchen 1,25m!