Die Überführung, Teil II

So ging es noch am Mittwoch, heraus aus dem Haren-Rütenbrok-Kanal, gleich weiter auf der Ems respektive dem Dortmund-Ems-Kanal. Da wir am Donnerstag schon im Mittellandkanal sein wollten, um uns dort mit unseren Frauen zu treffen, haben wir noch die nächsten 3 Schleusen genommen und sind immerhin noch im Abendlicht bis Lingen gelangt.. Eine sehr schöne Ortsdurchfahrt übrigens!

Eine nette – oder auch traurige Begebenheit gab’s noch nach der Schleuse Varloh: Der Hund, der voraus im Wasser schwamm, entpuppte sich beim Näherkommen als ein junges Reh, das völlig panisch und desorientiert in Kreisen, Achten und Winkeln strampelnd herumschwamm, dabei schnaufend und röchelnd. Die Schleuse noch mal angefunkt und gefragt, ob uns schon Berufsschiffahrt im Nacken sitzt, nein, erst wieder in ca. 20 Minuten, wurde uns beschieden. Na dann: Schiff treiben gelassen, ab ins Wasser, und das Reh aus dem Wasser getragen und ins Ufergebüsch abgelegt, wo es erst mal heftig hechelnd liegen blieb und sich beruhigte. Heldenhaft, oder? Aber wahrscheinlich hat es nicht lange überlebt, denn als ich es auf den Armen hatte, konnte ich sehen, dass es nichts sehen konnte – beide Augen waren ganz trüb, das Tier also vermutlich blind. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja gesundet…

Am Donnerstag mussten von Lingen wir zeitig aufbrechen, denn bis zum Abzweig des Mittellandkanals lagen ja noch 6 Schleusen vor uns! In der ersten Schleuse erfuhren wir dann auch noch, einem Funkgespräch des vor uns in der Kammer liegenden Berufsschiffes folgend, dass wegen des Feiertages die Bedienungszeit der Schleusen heute schon um 16:00 Uhr enden sollten. Wieder waren wir ziemlich gespannt, ob wir es trotzdem noch bis zum Mittellandkanal schaffen würden.

Die folgenden Schleusungen verliefen aber mit einer Ausnahme recht zügig, wir haben uns immer hinter dem besagten Berufsschiff gehalten.

In der vorletzten Schleuse (Rodde) dann ein weiterer Schreck: wegen Seitenwindes hatten wir etwas mehr mit dem hydraulischen Bugstrahler gearbeitet, und bekamen fortan ein jeweils über ein paar Sekunden anschwellendes, dann abbrechendes und nach weiteren Sekunden neu beginnendes Pfeifen aus der Hydraulikpumpe zu hören. Und dann war die Hydraulik auch schon ausgestiegen. Kein Bugstrahler mehr, aber auch keine Außensteuerung mehr und die Innensteuerung ohne hydraulische Unterstützung. Nun gut, beim Ablegen in der Schleusenkammer half der Seitenwind, dann hinter der Schleuse in das westlich neben der Schleuse liegende Hafenbecken hineingewendet, der Wind legte uns sanft an die Kaimauer. Motor aus und den Pegel im Hydrauliktank geprüft und die Leitungen auf nasse oder leckende Stellen untersucht. Aber nichts gefunden. Den Motor wieder gestartet – und siehe da, alles funktionierte wieder. Und das sollte dann auch bis zum Ende unserer Reise so bleiben. Was war da nur los???

Nun hatten wir natürlich den Anschluss an das Berufsschiff verloren… Ob  wir es trotzdem noch bis 16:00 durch die letzte Schleuse schaffen würden? Bis zur Schleuse Bevergem sind es ja nur 2 km – wir hatten noch 20min. Es musste dann an der Schleuse aber auch passen! Wieder folgtem wir einem Berufsschiff. Über Funk meldeten wir uns bei der Schleuse an. Riesen-Glück: die Schleuse hat uns noch abgewartet, uns an dem vor uns fahrenden Berufsschiff vorbeigeholt und hinter das bereits in der Kammer liegende Berufsschiff genommen – es war eben die Wotan, der wir bis Rodde schon gefolgt waren. Während der Schleusung hörten wir im Funk noch, dass die Schleusenbesatzung dem vor der Schleuse zurückgelassenen Berufsschiff erklärte, dies sei die letzte Schleusung für Heute, und es ginge erste morgen weiter. Sehr ärgerlich für den Schiffer, denn nach Bevergem ist auf dem Mittellandkanal freie Fahrt bis Hannover! Nach der Ausfahrt hörten wir aber im Funk, dass die Besatzung sich noch hatte erweichen lassen und das Schiff noch hochgeholt hat.

Auch für uns hieß es also – geschafft und freie Fahrt, wir haben uns in Ostercappeln hingelegt und Maria und Kirsti dort hin gelockt, wo wir dann eine Nacht zu viert an Bord genießen durften.

Am Freitag hieß es zunächst noch Einkaufen im (uns zu) schicken Hafen in Bad Essen… Das Hafenmeisterbüro war nicht besetzt, wir hatten einen grün gekennzeichneten Stegplatz belegt, und, nun ja, um eben in den nächsten Supermarkt zu gehen, wollten wir den Hafenmeister nicht gleich auf seinem Handy herbeirufen. Diese Rücksicht sollte sich als Fehler erweisen, denn als wir bereits wieder losfuhren, kam derselbe hektisch winkend auf dem Fahrrad an und beschimpfte uns, er hätte uns auf der Kamera beobachtet und wieso wir nicht die am Büro aushängende Handynummer angerufen hätten – schließlich koste ein Tagesbesuch in ihrem Hafen eine Gebühr, 10€ hätten es sein sollen, wenn ich mich recht erinnere!! Na da hatte sie uns wieder, die sprichwörtliche deutsche Gastfreundschaft, aber eine Gebühr für 30min. in einem zur Hälfte leeren Hafen anlegen, das habe ich auch in Deutschland noch nicht erlebt. Aber so muss das wohl sein: chique gleich teuer und unfreundlich…

Bis Minden ging es weiter, wo wir das Schachtschleusengelände und die Trogbrücke anschauten, spazierten, Mittag aßen – der Sportbootliegeplatz am Kanal gegenüber der Schachtschleusenzufahrt ist ein super schöner Aussichtsort!

Hier haben wir Maria und Kirsti schließlich wieder verabschiedet und sind noch an Hannover vorbei bis zum Stichkanal Hannover weiter gefahren, um dort am Liegeplatz gegenüber der Kanaleinfahrt zu schlafen.

Am Samstag ohne weitere Vorkommnisse durch die naturnäheren Landschaft im sachsen-anhaltinischen Teil des Kanals, ein bisschen lang wurde es uns hier, geschlafen wurde am Sportbootlieger kurz vor Haldensleben mit Blick auf ein Storchennest.

Am Sonntag dann vor bis zur Schleuse Rothensee, wo wir länger warten mussten, denn als wir bereits aufgerufen waren zur Einfahrt, meldete sich die Schleuse noch einmal und bat uns, wieder anzulegen, weil sich gerade noch ein Fahrgastschiff gemeldet hatte. Immerhin, der Warteplatz bietet eine wunderschöne Aussicht, war allerdings auch extrem windig, so dass das An- und Ablegen äußerst schwierig war. Der Bugstrahler vermochte das Schiff nicht gegen den Seitenwind zu schieben.

Unten angekommen, ging es immer noch nicht auf die Elbe hinaus: Die Niedrigwasserschleuse war in Betrieb – ein erster Vorbote zu dem, was uns dann auf der Elbe erwartete…

Wir hatten inzwischen schon mitbekommen, dass wir es nicht mehr in einem Rutsch bis zur Saale schaffen würden, die Fahrrinnentiefe der unteren, ungeregelten Saale reichte schon nicht mehr. Auch der Schönebecker Yachthafen hatte bereits einen zu niedrigen Wasserstand, da wären wir nicht mehr reingekommen. So hatten wir mit dem Magdeburger Hafen in der Zollelbe geklärt, dass wir das Boot dort für einige Tage ablegen könnten, notfalls aber auch, falls vor der Dauerschließung der Schleuse Alsleben die Wasserstände sich nicht mehr erholen würden, bis zum Herbst dort liegen bleiben könnten.

So ging es also gegen den Elbstrom Richtung Magdeburg. Und wieder dieses Elbgefühl, dass es wohl auf kaum einer anderen europäischen Wasserstraße gibt, dieser große Strom mit seinen verwunschenen Buhnenstränden, die zur Badepause laden. Aber nicht für uns: Wir nach ca. 6km und knapp zwei Stunden die Hafeneinfahrt Zollelbe. Und bogen hinein, sehr vorsichtig aus dem Elbstrom seitlich hinausmanövrierend. Nun gut, an der backbordseite zeigte sich eine kleine Sandbank aus Sediment, klar, vom Elbstrom in die Beruhigungszone hineingespült, also halten wir uns ganz elbseitig im Strudelbereich, kein Problem. Oder doch? Sanft bremste das Schiff ab und schob sich mit dem Bug auf die Untiefe, die offensichtlich quer über die gesamte Zufahrt reichte. Warum steht da bitte kein Schild mit dem Flachwasserhinweis??? Was nun? Schaukeln bei Rückwärtsschub half schon mal nichts. Ein Anruf im Hafen, nö, sie hätten niX zum Freischleppen, wir sollten man die Waschpo anrufen. Die versprachen Hilfe, könnten allerdings erst in ca. 1 Stunde bei uns sein.

Also warten, aber natürlich nicht ohne es auch weiter selbst zu versuchen. Gemeinsam auf Deck von links nach rechts, im Eigenschwindungsrythmus des Bootes, Schub zurück, etwas mehr, hässliche Geräusche von Sand und Kies an der Schraube (immerhin Bronzeguss, berufsschiffig halt), gerade vor dem Aufgeben eine gemächliche Rückwärtsbewegung des Schiffes. Ja, tatsächlich: wir hatten uns frei geschwommen. Die Waschpo war nicht böse, dass wir sie nun nicht mehr brauchten.

Und nun? Es über den Domfelsen riskieren, mit vielleicht noch 5cm unter dem Kiel, um dann nicht in die Saale zu können und vorher keinen Hafen mehr zu finden, an dem das Boot liegen bleiben könnte? Nee lieber nicht. Was blieb also anderes als zurück zum Mittellandkanal zu fahren… Sehr sehr ärgerlich, wir waren tatsächlich genau einen Tag zu spät, gestern hätte der Pegel noch gereicht.

Nun aber ging es mit dem Elbstrom unter der Trogbrücke des Mittellandkanales hindurch bis zur gemütliche Schleuse Niegripp, denn wir hatten inzwischen einen Hafen zwischen Niegripp und Burg angerufen, die uns noch einen Platz zusagen konnten, nach etwas Nachdenken, ob sie unsere 13m noch unterkriegen könnten. Also mussten wir nun hinauf auf den Elbe-Havel-Kanal.

Hier fanden wir auch recht bald die Hafenzufahrt. „Landesgewässer mit besonderer Regelung“, begrüßte uns ein Schild. Oh je, wurde das eng. Oh je, hingen die Bäume tief über das Wasser. Ob das tief genug bleibt? Immer tiefer windet sich der schmale „Bach“ ins Land, bis dann an Backbord quer zum Verlauf des Kanälchens liegend Schiffe auftauchen, zwischen äußerst provisorisch wirkenden, sehr findig selbstgeschweißten kurzen Schwimmstegen und in den Grund geschlagenen Metallrohren. Wie um Himmels willen sollen wir da hineinkommen?? Zwischen den Bootshecks und dem Steuerbordufer war es jedenfalls schmaler als unser Boot lang…

Mehrere Leute kamen herbei, jemand winkte uns zum hintersten Ende der Bootsreihe und wies uns den vorletzten Liegeplatz zu, einer von zwei verbliebenen freien. Gespannt schauten uns 6 oder 8 Leute zu. Langsam das Boot auf der Stelle drehen, dabei die Nase schon langsam in die Bucht schieben, das Nachbarboot und diverse scharfkantige Metallteile vermeiden. Als ich zum ersten Mal den Bugstrahler antippe, geht ein sichtliches Aufatmen durch die Zuschauergruppe. Schießlich sind wir weit genug in die Bucht, dass wir den kurzen Schwimmsteg neben dem Vorschiff haben, jemand nimmt die Leinen an. Schließlich ist das Werk gelungen und ich ein bisschen stolz, dass dieses Manöver ohne Fehler geklappt hat. Wir bekommen die Waschräume gezeigt, und begeben uns nach dem einen oder anderen Schwatz und einem Feierabendbier ins Bett.

Hier länger bleiben war aber kaum möglich, ohne regelmäßig nach dem Schiff schauen zu können – die Wasserstände, so wurde uns berichtet, schwanken sehr stark durch die nahegelegene Hohenwarteschleuse. Auch gibt es in diesem Hafen keine Preise für längeres liegen, sondern nur Tagespreise – das hätten wir uns über im ungünstigen Fall mehrere Monate nicht leisten können.

So fuhr ich am nächsten Tag mit dem Fahrrad ins nahe gelegene Städtchen Burg, das zurzeit durch die Landesgartenschau ein bisschen erblüht, und fand dort den Hafen im früheren „Kohlebecken“, das heute einer Familie gehört, die das Ding wohl eher an der Backe hat und gerne loswürde, als die über kurz oder lang nötigen Investitionen zu riskieren. Das gute daran: Genug Platz und eine sehr freundliche Preisgestaltung, wenn es denn zu einem längeren Liegen käme. Prima – zurück zum Schiff, bezahlt, wieder hinaus manövriert und die zwei Kilometer nach Burg getuckert, um es dort an der Kaimauer gut festzulegen.

Volker hat dann noch am Nachmittag „abgemustert“ und ist per Bahn abgereist, ich bin noch zwei Tage geblieben, habe das Schiff nachbereitet, Mängel und Ideen, was ich am Schiff im Laufe der folgenden Monate würde ändern wollen, aufgelistet, den Ort erkundet und ein paar Dinge geregelt, um dann am Mittwoch ebenfalls heimzufahren.

Im Nachhinein war das ganze eine großartige Fahrt, ganz schön anstrengend, weil wir jeden Tag zeitig los- und 10 bis 12 Stunden gefahren sind und doch so manches nicht ganz so glatt lief wie erhofft. Andererseits – für ein älteres Schiff, das ich noch nicht kannte, und das zwar einen guten Eindruck gemacht hatte, aber schon seit Jahren nicht mehr auch nur annähernd einer solchen Dauerlast ausgesetzt war, hatte sich die Zahl der Schwierigkeiten doch sehr in Grenzen gehalten. Es bleibt das Gefühl, eine gewisse Herausforderung doch ganz gut gemeistert zu haben. Und auch wenn es sich anders anfühlte als eine Urlaubsfahrt, hat es Spaß gemacht, vielleicht auch gerade weil es ein bisschen was von berufsschifffahren hatte.

Das wir um einen Tag den nötigen Pegelstand verpasst hatten, war leider ein dickes Ende – zumal wir in Burg klar wurde, dass ich da sehr ungern bleiben würde. Zu weit weg von zu Hause, zu wenig Infrastruktur für die an zukünftigen Wochenenden angedachten Arbeiten am Schiff, keine angenehme Stimmung im Ort – nein, wir würden in den nächsten Tagen die Pegel ganz genau beobachten, und wenn sich noch mal eine Chance auftut die Reststrecke in die Saale anpacken.

Denn ein Zeitfaktor hatte sich – was für ein Glück – erst mal in Luft aufgelöst, dem Rotmilan sei dank: Wegen eines nistenden Rotmilans in der Schleuse Alsleben ist der Baubeginn dort von Pfingsten auf Mitte Juli verschoben worden. Es gibt also noch eine Chance. Bitte, bitte: Regen.

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